Eine Daune der Eiderente misst knapp 26 Millimeter. Um sie so abzubilden, wie Marcel Burkhardt es getan hat, brauchte es zwei Blitze, einen motorisierten Slider und 125 Einzelaufnahmen, die anschliessend zu einem einzigen Bild verrechnet wurden. Und vor allem absolute Windstille, denn schon ein Lufthauch bringt die feinen Federäste in Bewegung.

«Filigran» heisst die Serie, die im Rahmen von Burkhardts Diplomarbeit zum Kommunikationsdesigner HF entstanden ist. Der Naturfotograf aus Sursee ist eigentlich für seine Vogelbilder aus der freien Natur bekannt. Für dieses Projekt hat er die Perspektive radikal gewechselt und ist bis in Vergrösserungsmassstäbe vorgedrungen, für die es Objektive braucht, die eher an Mikroskope erinnern. Im Interview erzählt er, wie er zur Vogelfotografie kam, warum er sich als etablierter Fotograf nochmals in eine Ausbildung gesetzt hat und worauf es bei dieser Art von Makrofotografie wirklich ankommt.

1. Wenn du dich jemandem vorstellen müsstest, der noch nie ein Bild von dir gesehen hat, was würdest du über dich sagen, das nicht in deinem Lebenslauf steht?

Vielleicht, dass ich selten mit meinen Bildern zufrieden bin. Ich sehe fast immer noch Verbesserungspotenzial und möchte bessere Bilder machen. Ich bin überzeugt, dass meine Arbeit dadurch besser wird, es kann aber auch dazu führen, dass ich manchmal etwas frustriert bin, weil ich es nicht besser hingekriegt habe.

2. Du warst als Fotograf längst etabliert, als du das Studium zum Kommunikationsdesigner HF begonnen hast. Was hat dich dazu bewogen, dich in diesem Moment nochmals in eine Ausbildung zu setzen?

Ich beschäftige mich zwar seit Jahren mit der Vogelfotografie. Mich interessieren aber auch die anderen Fotografie-Disziplinen. Ich wollte mich mit der Ausbildung zwingen, meine Scheuklappen abzuwerfen und mich auf Neues einzulassen. Ich bin überzeugt, dass man bei jeder Fotografie etwas dazulernt, das man dann wieder bei der eigenen Fotografie einsetzt. Dass ich bei der Diplomarbeit eine mir bisher unbekannte Technik für die «Vogelfotografie» eingesetzt habe, zeigt dieses Lernen auf.

3. Es gibt bei Naturfotografen oft entweder den einen Schlüsselmoment oder ein langsames Hineinwachsen. Was war es bei dir und was hat dich am Anfang mehr getrieben? Der Vogel oder das Bild?

Huhn oder Ei? Bei mir war's der Vogel. Schon in meiner Primarschulzeit habe ich fast jede freie Minute mit der Beobachtung der Vögel verbracht. Das Fotografieren kam erst später dazu. Mit der Entwicklung der spiegellosen Kameras war es endlich möglich, Bilder zu schiessen, die vorher kaum denkbar waren. Seither steht das Fotografieren klar an erster Stelle.

4. Wer dich kennt, verbindet dich höchstwahrscheinlich mit Vögeln in der freien Natur, mit Tarnzelt, langem Tele und langem Warten. Dein neustes Projekt im Rahmen deiner Diplomarbeit «Filigran» ist das Gegenteil davon. Ein Tisch, ein Objektiv mit 20 mm Arbeitsabstand, absolute Stille. Wie viel von dir steckt in beiden Arbeitsweisen, und was verbindet sie für dich?

Auf den ersten Blick sind die beiden Herangehensweisen sehr unterschiedlich. Dennoch gibt es viele verbindende Punkte: eine klare Vorstellung, wie die Bilder aussehen sollen, die Ästhetik, die Geduld, die nötig ist, und nicht zuletzt auch ein gewisser Hang zur technischen Perfektion.

5. War «Filigran» ein bewusster Gegenentwurf zu deiner sonstigen Arbeit oder eine konsequente Weiterführung? Anders gefragt: Was wolltest du über Vögel sagen, was du mit einem ganzen Vogel im Bild nicht sagen konntest?

Unsere Wahrnehmung der Vögel wird in erster Linie durch ihr Gefieder bestimmt. Ich wollte mit dieser Arbeit die Details des Gefieders und der einzelnen Federn erkunden, so wie wir sie in der Natur nicht sehen (können). Die Liebe zum Detail also.

6. Woher stammen die Federn in deiner Serie? Mich interessiert beides: das Praktische, also wo man solche Federn überhaupt findet und was man dabei beachten muss, und das Gestalterische. Woran erkennst du, dass eine Feder ein Bild hergibt, und welche sind bei dir liegen geblieben?

Die meisten Federn stammen aus der Sammlung von Niklaus Zbinden. Als unbelebte Gebilde nutzen sich Federn ab und der Vogel erneuert sie während der Mauserzeit, das heisst, sie fallen aus. Wer mit offenen Augen durch die Natur geht, findet immer wieder solche Federn, welche entsprechend auch Abnützungserscheinungen aufweisen. Ich habe versucht, die intaktesten Federn auszuwählen und gleichzeitig eine gewisse Vielfalt und Vollständigkeit an Formen und Farben abzulichten. Besonders interessiert haben mich dabei die Übergänge einzelner Farben oder die feinen Gebilde an den Federrändern.

7. Erzähl uns von deiner Ausrüstung für dieses Projekt. Das Laowa Aurogon ist ja kein gewöhnliches Makroobjektiv, sondern arbeitet mit wechselbaren Vergrösserungstuben von 10x bis 50x, ohne jede Automatik. Wie bist du überhaupt darauf gekommen, und wie hat es sich angefühlt, damit die ersten Versuche zu machen? Und was war an deiner Sony-Kamera für diese Arbeit entscheidend?

Viele Bilder sind mit dem Sony 100 mm F2,8 Makro und der Fokus-Bracketing-Funktion in meiner Sony-Kamera entstanden. Damit konnte ich bis in Vergrösserungsmassstäbe von 2,8:1 vordringen. Mein Wunsch war aber auch, kleinere Details darzustellen. Da bin ich dann auf das Aurogon gestossen. Die Arbeit mit diesem Objektiv war recht fordernd, da bei diesen Massstäben die Schärfentiefe auf wenige Tausendstelmillimeter zusammenschrumpft und kaum noch Licht auf dem Sensor ankommt. Der motorisierte und automatisierte Slider von Novoflex war die Voraussetzung, um mit dem Aurogon saubere Stacking-Reihen zu erstellen.

8. Nimm uns einmal durch ein einziges fertiges Bild: Welche Vergrösserungsstufe, welche Einstellungen, wie viele Einzelaufnahmen im Stack, wie lange für eine Aufnahmeserie?

Die Daune der Eiderente ist knapp 26 mm gross und konnte damit mit dem 100mm Makro bei einem Vergrösserungsmassstab von knapp 1:1 fotografiert werden. Die Bilder habe ich bei Blende 4 und ISO 100 erstellt und für das nötige Licht haben zwei Blitze mit je 600 Watt Leistung gesorgt. Da diese Feder auch in der Tiefe über 20mm misst, habe ich für das finale Bild 125 Bilder mit jeweils leicht verschobenen Schärfenebenen miteinander verrechnet. Das grösste Problem bei dieser Feder war, dafür zu sorgen, dass kein Lufthauch die feinen Federäste bewegte.

9. Angenommen, jemand liest dieses Interview und will das selbst versuchen, aber ohne das Aurogon. Was würdest du dieser Person empfehlen? Und welcher Teil des Setups ist am Ende wichtiger als das Objektiv? 

Eine saubere und gleichmässige Ausleuchtung der Federn scheint mir zentral. Daher habe ich mit zwei starken Blitzen und grossen, farbneutralen Diffusionsflächen gearbeitet. Damit habe ich eine helle, gleichmässige und trotzdem weiche Ausleuchtung erreicht. Innerhalb des Stapels sollten keine Helligkeitsunterschiede auftreten und von Feder zu Feder wollte ich genau die gleiche Ausleuchtung erhalten.

10. Was passiert jetzt mit «Filigran»? Ausstellung, Buch, oder lebt die Arbeit vor allem online weiter? Und hat das Projekt verändert, wie du seither im Feld auf einen Vogel schaust?

Klar hat sich meine Betrachtungsweise der Vögel auch geändert. Ich nehme die feinen Farbdetails des Gefieders heute viel bewusster wahr als noch vor der Arbeit. Bezüglich weiterer Pläne: Aktuell bin ich eher noch am Aufräumen als am Weiterdenken. Gerne würde ich aber weitere Federdetails fotografisch erkunden und auch den Aspekt «Federschmuck» weiterbearbeiten. Es würde mich natürlich freuen, wenn die Bilder mal grossformatig gedruckt ausgestellt würden. Wer weiss, vielleicht ergibt sich da ja noch ein Projekt.

  • Marcel Burkhardt

    Marcel Burkhardt interessiert sich seit seiner Kindheit für die Vogelwelt. Die ersten Vogelbilder entstanden im Alter von zehn Jahren mit der Kamera seines Vaters, richtig gepackt hat ihn die Vogelfotografie aber erst mit der Digitalisierung und später mit den spiegellosen Kameras. Heute betreibt er von Sursee aus die Marcel Burkhardt Naturfotografie und gibt sein Wissen auf Fotoreisen, in Kursen und Workshops weiter, unter anderem als Referent am Zentrum Bildung in Baden.

    Neben der Vogelfotografie im Feld interessieren ihn auch andere fotografische Disziplinen. Deshalb absolvierte er das Studium zum Dipl. Kommunikationsdesigner HF mit Vertiefungsrichtung Fotografie. Seine Diplomarbeit «Filigran» widmet sich der Form und Ästhetik der Vogelfeder und entstand im extremen Makrobereich.

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