Wir hatten die Gelegenheit, uns mit Pie Aerts im Rahmen seiner Workshops für Canon am IPFO hinzusetzen und ihm ein paar spannende Fragen zu stellen. Der Canon Ambassador aus Amsterdam ist bekannt für seine eindrucksvollen Portraits, seine Reisen rund um die Welt und sein Engagement für den Naturschutz.

Mit Projekten wie „Prints for Wildlife“ hat er bereits Millionen für den Erhalt afrikanischer Tierwelt und Gemeinschaften gesammelt. Seine Fotografie bewegt sich zwischen Mensch und Natur und erzählt Geschichten, die uns näher an unsere eigenen Wurzeln führen. Dabei geht es ihm weniger um die grosse Inszenierung, sondern um die kleinen, stillen Momente, die eine universelle Sprache sprechen. Er zeigt, dass Fotografie weit mehr sein kann als ein ästhetisches Bild – sie kann Brücken schlagen, zum Nachdenken anregen und echte Veränderung anstossen. Genau darin liegt die Kraft seiner Arbeit, die Hoffnung statt Resignation vermittelt.

Die originale englische Version des Interviews sowie Pie Aerts Social Media Koordinaten, findest du ganz unten.

Entwickle deine persönliche Fotografie

Für euch haben wir 5 kurze Video Tipps vorbereitet, die zeigen, wie Pie authentische Bilder gestaltet. Erfahre mit welchem Mindset er Geschichten erzählt und auf Menschen zugeht um berührende, echte Bilder zu machen.

Persönliche Fragen an Pie

Frage 1: Künstler & Aktivist?

Du betreibst zwei Instagram-Accounts mit sehr unterschiedlichem Fokus und visueller Sprache: einen eher persönlichen und erzählerischen, den anderen als kuratiertes Portfolio. Was hat dich dazu bewogen, diese Trennung vorzunehmen, und in welchem dieser Räume fühlst du dich als Künstler am meisten zu Hause? 

Als Fotograf nutze ich meine Kamera als Werkzeug, um die komplexe und oft melancholische Beziehung zwischen Mensch und Ort zu untersuchen und zu hinterfragen. Damit versuche ich zu verstehen, warum wir uns zunehmend voneinander, von uns selbst und von unserer Umwelt entfremden. Meine Arbeit basiert auf dem Glauben, dass Mensch und Ort eine gemeinsame Geschichte teilen. Dadurch bewege ich mich ständig im Spannungsfeld mehrerer Welten. Vor einigen Jahren habe ich deshalb entschieden, meine Online-Präsenz aufzuteilen. Auf @pie_aerts teile ich meine Arbeiten rund um Wildlife-Fotografie, während ich meine Langzeit-Dokumentationen, Projekte zu Naturschutz und Reisestorys auf @because.people.matter veröffentliche.

Die visuelle Sprache unterscheidet sich zwar auf beiden Accounts, aber das Fundament ist ähnlich. Mit einem neugierigen Blick bewege ich mich durch verschiedene Kulturen, Traditionen und Landschaften. Dabei bin ich stets bemüht, dass ich Stereotype hinterfrage und tiefer schauen möchte. Mein Ziel ist es, Perspektiven zu eröffnen, die uns daran erinnern, dass es selbst im Angesicht von Spaltung und Konflikt immer Raum für Koexistenz, Würde und Hoffnung gibt. Ich fühle mich in beiden fotografischen Stilen und Accounts zutiefst zu Hause. Fotografie ist für mich zu einem Weg geworden, diese Welten zu vereinen und eine Story zu schaffen, die verbindet statt trennt.

 

Frage 2: Deine Reichweite

Heute erreichst du in den sozialen Medien Hunderttausende Menschen. Deine Arbeit wird weltweit geteilt und gefeiert. Rückblickend, welche Schlüsselfaktoren haben dir geholfen, ein so grosses Publikum aufzubauen. Und wie gehst du heute mit der Verantwortung um, nicht nur Bilder zu zeigen, sondern auch Werte und Perspektiven an diese Community zu vermitteln?

Mit einer grossen Onlinepräsenz kommt eine noch grössere Verantwortung und ich nehme diese Verantwortung sehr ernst. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass Gemeinschaft alles ist, ganz gleich wie gross sie ist. Es ist verlockend, grossen Zahlen hinterherzulaufen, doch echte Gemeinschaft beginnt mit Respekt und Wertschätzung für jede einzelne Person, die sich mit deiner Arbeit beschäftigt. Mir ist es lieber, zehn Menschen setzen sich mit Absicht und Tiefe mit meiner Arbeit auseinander, als dass es Tausende mit einer Aufmerksamkeitsspanne von drei Sekunden tun. Im Jahr 2018, als ich gerade als hauptberuflicher Fotograf begonnen hatte, blickte ich zu einer Reihe von Kolleginnen und Kollegen auf, Ikonen, die geprägt hatten, wie ich die Welt sehe. Eines Tages fasste ich allen Mut zusammen und bat einen von ihnen um Rat. Ich habe nie eine Antwort erhalten. Kein einziges Wort. Und auch wenn ich verstehe, dass Menschen beschäftigt sind, hätte schon eine einzige Zeile für mich eine grosse Bedeutung gehabt. Allein um zu wissen, dass meine Nachricht gesehen und mein Mut wahrgenommen wurde. Dieser Moment hat Spuren hinterlassen. Er liess mich entscheiden, dass gegenseitiger Respekt zu einem zentralen Wert in allem wird, was ich tue. Seitdem habe ich mir zur Regel gemacht, auf jede E-Mail und jede Nachricht zu antworten. Vielleicht nicht sofort, aber immer im Laufe der Zeit. Die Wirkung war nicht sofort sichtbar, doch mit der Zeit bemerkten die Menschen es. Sie spürten die Energie echter Verbindung. Dieser eine Kontaktpunkt erweist sich Jahre später oft als Beginn einer langfristigen Beziehung zu jemandem, der sich mit meiner Arbeit auseinandersetzt.

Eine weitere Erkenntnis, die mir hilft, mir selbst treu zu bleiben, lautet: Ganz gleich unter welchen Umständen, die einzige Person, der deine Arbeit wirklich gefallen muss, bist du selbst. Für sich selbst zu schaffen ist kein Akt des Egoismus, sondern ein kraftvoller Schritt hin zur eigenen Stimme. Kreiere nicht für Kolleginnen und Kollegen, nicht für soziale Medien, nicht für Familie oder Freunde. Tue es nicht aus dem Gedanken heraus, die Welt brauche genau diese Geschichte. Tue es für dich. Vertraue deiner Intuition. Lass dich nicht zu sehr davon leiten, was anderen gefallen oder missfallen könnte. Ich weiss, dass das nicht leicht ist, wenn der soziale Druck gross ist. Aber letztlich bist du die Person, die den Prozess geniessen soll. Und das Schöne daran ist, dass es viel leichter wird, andere für deine Arbeit zu gewinnen, wenn du wirklich an das glaubst, was du erschaffst.

 

Frage 3: Fotoreisen als Begegnung

Du organisierst regelmässig Gruppen Fotoreisen, die weit über das reine Fotografieren hinausgehen. Im Mittelpunkt stehen gemeinsame Erlebnisse, kultureller Austausch und Begegnungen. Was hat dich ursprünglich dazu inspiriert, Reisen in diesem Format anzubieten, und wie haben sie sich im Laufe der Jahre entwickelt? 

Fotografie kann ein einsamer Beruf sein. Viele Jahre war ich für Aufträge allein unterwegs, oft an atemberaubend schönen, abgelegenen Orten. Dort stellte ich mir eine Frage: Was wäre, wenn ich gleichgesinnte Menschen mitnehme. Diese einfache Überlegung war der Auslöser für etwas viel Grösseres. Sie markierte den Beginn meiner ersten Fotoexpedition, einer fotografischen Safari nach Kenia mit acht neugierigen und offenen Gästen. Niemand kannte sich, alle reisten allein, doch uns verband die Leidenschaft für das Unterwegssein, das Interesse an visueller Erzählung und die Lust auf Abenteuer.

Was 2021 als Experiment begann, hat sich inzwischen zu einem florierenden Reiseunternehmen entwickelt, mit jährlichen Expeditionen nach Patagonien, in den Himalaya, nach Sambia, Indien, Tansania und Kenia. Es war eine unglaubliche Reise, dieses Projekt aufzubauen: Fremde Menschen an Orte zu bringen, die mir so viel bedeuten, mit Guides zusammenzuarbeiten, die ich enge Freunde nenne, und Räume zu öffnen, die normalerweise nicht für den Tourismus zugänglich sind. Eine besondere Kraft liegt darin, Teil einer Gruppe zu werden, in der sich niemand kennt und alle bewusst dort sind. Diese gemeinsame Absicht führt schnell zu tiefen Gesprächen, zu gemeinsamem Staunen und oft zu neuen Freundschaften. Tatsächlich ist das Alleinreisen in Gruppen, auch bekannt als "Solo Together Travel", laut Forbes und Condé Nast das am schnellsten wachsende Segment im weltweiten Reisemarkt.

Alle meine Expeditionen sind sorgfältig kuratiert. Ich versuche Menschen zusammenzubringen, von denen ich weiss, dass sie in der Gegenwart der anderen aufblühen. Personen mit ähnlichen Werten, Energien und Absichten, die mit verwandten Zielen in eine Reise starten. Gemeinsam mit meinen Teams schaffe ich ein sicheres und warmes Umfeld für alle, die allein anreisen. Die Abgeschiedenheit der Orte, die wir besuchen, übernimmt dann den Rest. Ohne Handyempfang verändern sich Gespräche, sie werden tiefer, Gegenwärtigkeit kehrt zurück und Menschen verbinden sich auf eine Weise, die es zu Hause kaum noch gibt. Menschen kommen als Fremde und gehen als Freunde.

 

Frage 4: Reisen vs. Zuhause sein

Nach mehreren Jahren fast ununterbrochener Reisen hast du deinen Kalender bewusst freigeräumt, um mehr Zeit mit deiner Familie zu verbringen, euer neues Zuhause in Haarlem (Holland) zu renovieren und dich auf Projekte wie Edition Hope und dein nächstes Buch zu konzentrieren. Wie fühlt sich dieser Wechsel von ständig unterwegs zu einem Jahr voller persönlicher Meilensteine an, und welchen Einfluss hat er auf deine Fotografie? 

Das stimmt. Wir haben kürzlich unser Haus in Amsterdam verkauft und die Stadt nach zwölf wunderbaren Jahren verlassen. Stattdessen haben wir ein altes Haus in Haarlem gekauft, näher am Meer und mit mehr Zugang zur Natur. Das gesamte Haus musste renoviert werden und ich habe beschlossen, den Grossteil dieser Renovation selbst zu übernehmen. In dieser Zeit wurde meine Frau mit unserer zweiten Tochter schwanger, was zusätzlichen Zeitdruck auf den Einzug in unser neues Zuhause brachte.

Ausserdem habe ich mein kleines Spendenprojekt wiederbelebt: Prints for Wildlife. Diese Organisation habe ich 2020 zusammen mit Marion Payr als Antwort auf den Zusammenbruch des Tourismus in Afrika während der Pandemie gegründet. Damals haben wir 2,1 Millionen Dollar für den Naturschutz gesammelt und sind 2022 wie die Pandemie leise verschwunden. Jetzt jedoch, mit den aktuellen Entwicklungen rund um Donald Trump und USAID und den zu erwartenden Folgen, fühlten wir uns in der Pflicht zu handeln. Auch weil ich immer an die tröstende und heilende Kraft der Kunst geglaubt habe. Um all das zu bewältigen, musste ich das Reisen vorübergehend pausieren und mich auf die Arbeit zu Hause konzentrieren.

Mein nächstes Buch, das 2026 erscheinen soll, habe ich dabei noch gar nicht erwähnt. Es braucht in den kommenden Monaten meine volle Aufmerksamkeit. Es war eine grossartige Entscheidung. Zum ersten Mal seit acht Jahren war ich über längere Zeit zu Hause und ich liebe es. Nach sechs Monaten kann ich sagen, dass es die beste Entscheidung war, mir Zeit zu nehmen, um ein neues Fundament zu bauen und eine stabile Basis für die nächsten Jahre zu schaffen. Gegen Ende des Jahres 2025 nahm ich das Reisen wieder auf, mit einer voll ausgebuchten Gästeexpedition nach Kenia und einer letzten Produktionsphase für mein Buch vor Ort in Patagonien in Chile.

 Keine Sorge, das Reisen bleibt in meiner DNA, doch die Zeit zum Verlangsamen, Durchatmen und Neujustieren war die beste Entscheidung seit Langem.

 

Frage 5: Herzensprojekte

Neben sozialen Medien, Reisen und Expeditionen arbeitest du weiterhin an neuen Formaten und langfristigen Projekten. Gibt es im Moment ein Projekt, das dir besonders am Herzen liegt? Welche Themen ziehen dich derzeit als Künstler und als Mensch am meisten an? 

Seit sechs Jahren arbeite ich an einem poetischen, umfangreichen Dokumentarprojekt in Patagonien in Chile. Das Projekt erkundet die intime Welt einer kleinen Gemeinschaft von Puesteros, die ihr abgeschiedenes und traditionelles Leben fortführen, während die moderne Welt immer stärker in ihren Alltag hineinwirkt. Die Geschichte berührt verschiedene soziale und ökologische Ebenen. Besonders zentral ist die Frage nach der Dualität eines Lebens in vollständiger Isolation und den mentalen Folgen daraus. Kürzlich habe ich einen Verlagsvertrag mit Gost Books in London unterzeichnet und wir legen gerade eine erste Sequenz für das Buch. Es ist zugleich wunderschön und beängstigend, mit anzusehen, wie es Gestalt annimmt und sich auf den Weg in die Welt macht. Wenn alles nach Plan läuft, gehen wir Ende 2025 in den Druck, mit Veröffentlichung im August 2026. Es ist eine sehr persönliche Geschichte und das wichtigste Projekt meiner fotografischen Laufbahn.

 

 

Pie und sein Canon-Equipment

Frage 6: Warum Canon?

Du bist seit mehreren Jahren Canon Ambassador, was in der Branche eine grosse Anerkennung darstellt. Abgesehen von der Zusammenarbeit selbst. Was hat dich ursprünglich zu Canon hingezogen und inwiefern hat das System deine Art des Erzählens geprägt oder sogar erweitert?

Solange ich zurückdenken kann, fotografiere ich mit Canon Kameras. Zunächst eher zufällig, als ich mit siebzehn meine erste Kamera gekauft habe. Jahrzehnte später dann mit klarer Absicht und einem Plan. Der Weg zum Canon Ambassador war lang aber lohnend. Nach zehn Jahren Zusammenarbeit mit den lokalen Niederlassungen in den Niederlanden und im Benelux Raum bin ich im Jahr 2020 Canon EMAA Ambassador geworden. In all diesen Jahren fühlte ich mich sehr gestärkt und unterstützt, meine Stimme zu nutzen und auszudrücken. Als Künstler und vor allem als Aktivist. Diese Unterstützung war für die Geschichten, die ich in die Welt sende, absolut entscheidend.

 

Frage 7: Equipment muss zuverlässig sein

Ein grosser Teil deiner Arbeit entsteht in abgelegenen und oft unberechenbaren Umgebungen, von Ladakh bis Mosambik. Wie wählst du das Setup aus, das du mitnimmst, und wie ermöglicht dir dein Equipment, dich auf die Geschichte zu konzentrieren statt auf technische Grenzen?

Da ich oft in abgelegenen Regionen arbeite, den Elementen ausgesetzt, in grosser Höhe oder unter extremen Bedingungen – von brütender Hitze bis klirrender Kälte – ist mein Equipment von entscheidender Bedeutung. Deshalb setze ich auf Einfachheit und absolutes Vertrauen in meine Ausrüstung. Ich arbeite ausschliesslich mit dem Canon R System, konkret mit der R5 und der R5 II, weil es für mich die ideale Balance aus Mobilität, Zuverlässigkeit und Bildqualität bietet. Mein Standardobjektiv ist das RF 28–70mm f/2, eine echte Toplinse. Der Schlüssel liegt für mich darin, mit einer Ausrüstung zu arbeiten, die ich in- und auswendig kenne.

Das spiegellose System von Canon überzeugt mich mit intuitiven Bedienelementen, einem äusserst zuverlässigen Autofokus und Dateien, die flexibel genug sind, um alles abzudecken - vom harten Licht im Himalaya bis zu schwachen Lichtverhältnissen an der Küste von Mosambik. Diese Verlässlichkeit erlaubt es mir, die Technik vor Ort auszublenden. Die Kamera wird zur Erweiterung von Körper und Geist. Sie ermöglicht es mir, in einen Staubsturm hineinzutreten statt ihm auszuweichen und auch bei eisiger Kälte, strömendem Regen oder grosser Hitze zuverlässig zu arbeiten. Für meine Einsätze in Afrika kombiniere ich das 28–70mm mit dem RF 70–200mm f/2.8 sowie mit längeren Festbrennweiten wie dem RF 400mm oder dem RF 600mm. Auf diese Ausrüstung kann ich mich jederzeit verlassen.

 

Frage 8: Entwicklung deiner visuellen Sprache

Statt nach einem Lieblingsobjektiv zu fragen, interessiert mich, ob es ein Objektiv oder vielleicht auch mehrere gibt, die deine Art zu sehen wirklich verändert haben. Gibt es ein bestimmtes Glas, das für die Entwicklung deiner visuellen Sprache eine zentrale Rolle gespielt hat?

Schon früh in meiner fotografischen Laufbahn habe ich gemerkt, wie sehr mich der bewusste Verzicht auf Zoomobjektive geprägt hat. Die Arbeit mit Festbrennweiten hat meinen Blick geschärft und meine Art zu sehen verändert. Denn das wichtigste „Objektiv“ sind nicht die Glaslinsen, sondern die eigenen Beine. Statt am Zoomring zu drehen, habe ich gelernt, mich selbst zu bewegen und genau das hat mich zu einer aufmerksamer arbeitenden Fotografin gemacht. Komposition, Bildausschnitt und Form habe ich dadurch auf eine neue, tiefere Weise verstanden. Es zwang mich, mich auf jene Brennweiten einzulassen, die wirklich zu meiner Sicht auf die Welt passen.

Natürlich ist das nicht immer bequem, und oft bedeutet es auch etwas mehr Gewicht in der Tasche. Doch gerade dieser kleine Unkomfort ist entscheidend. Er bringt dich näher an dein Motiv, an den Raum, in dem du arbeitest, und an dein eigenes fotografisches Gespür. Innerhalb der Begrenzung einer einzigen Brennweite zu fotografieren, schärft die Wahrnehmung. Man beginnt Details zu entdecken, die sonst im Verborgenen blieben, und lernt, mit dem Sehen zu beginnen und nicht mit dem Zoomen. Genau das ist unser Auftrag als Fotografinnen und Fotografen: sichtbar zu machen, was andere übersehen, und dem Unsichtbaren Gestalt zu geben.

Darum ermutige ich alle, die sich stark auf Zoomobjektive verlassen, zumindest eine Festbrennweite ins Set aufzunehmen. Und falls ein neues Objektiv gerade keine Option ist, gibt es einen einfachen Trick. Klebe den Zoomring auf eine feste Brennweite, zum Beispiel 50 Millimeter, und fotografiere eine Woche lang ausschliesslich damit, egal ob unterwegs oder im Auftrag. Schon nach kurzer Zeit wirst du spüren, wie kraftvoll diese Begrenzung sein kann.

 

Frage 9: Lehren aus der analogen Fotografie

Du hast über die Bedeutung der analogen Fotografie in deinem Leben gesprochen. Wie beeinflusst die Arbeit mit Film dein digitales Arbeiten. Verändert sich dadurch dein Rhythmus, deine Geduld oder sogar die Art, wie du Geschichten erzählst, wenn du wieder zur Digitalkamera greifst?

Nachdem ich über sieben Jahre lang mit beiden Medien parallel gearbeitet habe, habe ich viel gelernt. Doch eine Erkenntnis ist besonders bei mir hängen geblieben: Digital zu fotografieren bedeutet, eine Beziehung zum Erfolg zu pflegen, während das Arbeiten mit Film eine Beziehung zum Scheitern kultiviert. Wer zur analogen Kamera greift, bringt sich selbst bei, mit Fehlern umzugehen. Genau in dieser Entscheidung liegt eine enorme Kraft, denn im Umgang mit den Unvollkommenheiten des Handwerks eröffnet sich eine steile, kreative Lernkurve.

Gleichzeitig liegt auch im Verfeinern und Optimieren der Beziehung zum Erfolg grosses Potenzial. Die technologische Weiterentwicklung digitaler Kameras eröffnet eine völlig neue Dimension des visuellen Erzählens. Die Frage, welche Kamera ich für welchen Auftrag wähle, ist für mich deshalb keine, die sich an Ästhetik orientiert, sondern an Methodik. Ich entscheide mich bewusst für ein Werkzeug, das einem bestimmten Zweck dient: Mal ist es eine Kamera, die mich in einen mentalen Zustand versetzt, in dem echter Austausch möglich wird, und mal eine, die mir erlaubt zu experimentieren, ohne Angst davor, zu scheitern. In beiden Fällen ist die Ästhetik nur das Ergebnis dieses Prozesses.

 

Frage 10: Wahrnehmung schulen

Fotografie ist immer ein Balanceakt zwischen technischer Fertigkeit und emotionaler Wirkung. In deiner Arbeit scheint die emotionale Dimension im Vordergrund zu stehen. Wie stellst du sicher, dass deine Ausrüstung nie Selbstzweck wird, sondern die Geschichten verstärkt, die du erzählen möchtest?

Ein häufig gemachter Fehler ist die Vorstellung, dass Farbe, künstlerische Qualität oder Ästhetik im Allgemeinen aus der Ausrüstung oder der Postproduktion entstehen. In meinen frühen Jahren als junger Fotograf verbrachte ich unzählige Stunden damit, die Bildsprache anderer zu studieren und zu imitieren, nur um Jahre später festzustellen, dass dies sinnlos war und eigentlich reine Zeitverschwendung.

Stattdessen habe ich gelernt, dass es viel lohnender ist, seine Zeit darin zu investieren, das eigene Auge zu schulen: besser zu sehen, anders zu sehen. Die Kraft der Beobachtung, die Fähigkeit, ein tiefes Gespür für Licht zu entwickeln, das Verständnis für die Bedeutung bestimmter Momente und die intuitive emotionale Reaktion darauf sowie die bewusste Schulung der Wahrnehmung von Form und Komposition. All das weist den Weg zur Entwicklung eines eigenen Stils. Diese geistige Auseinandersetzung ist es, die zu besseren Bildern, besseren Bearbeitungen und besseren Geschichten führt. Jede Form von Technik ist diesem Prozess nachgeordnet.

  • Über Pie

    Pie Aerts ist ein Fotograf mit Sitz in Holland. Als er sieben Jahre alt war, schenkte ihm sein Vater nicht seine erste Kamera und doch sind wir heute hier. Seine Arbeit untersucht und hinterfragt die vielschichtige Beziehung zwischen Mensch und Natur. Dabei geht es ihm um die Frage, warum wir uns zunehmend voneinander, von uns selbst und von unserer natürlichen Umgebung entfremden. In diesem Prozess entscheidet er sich für Hoffnung statt Verzweiflung und für Koexistenz statt Konflikt.

    Er ist fest davon überzeugt, dass Kunst die Kraft hat, zu trösten, zu heilen und verlorene Verbindungen wiederherzustellen. Um diesen Glauben in die Tat umzusetzen, gründete er Prints for Wildlife, eine Fundraising-Plattform, die mehr als 275 Fotografen aus aller Welt zusammenbringt, um Kunstwerke zugunsten des Naturschutzes zu verkaufen. Seit ihrer Gründung im Jahr 2020 hat die Plattform 2,1 Millionen US-Dollar erwirtschaftet, die vollständig an das African Parks Network gespendet wurden, um afrikanische Gemeinschaften und die Tierwelt zu unterstützen.

    Instagram:
    @Pie_Aerts
    @because.people.matter

    Du würdest gerne mit Pie auf reisen gehen? - infos findest du hier

    • Original English Version

      Personal Questions

      You run two Instagram accounts with very different focuses and visual languages: one more personal and narrative-driven, the other a curated portfolio. What led you to create this separation, and in which space do you feel most at home as an artist?

      As a photographer, I am using my camera as a tool to examine and question the intricate and often melancholic relationship between people and place in an attempt to explore why we seem increasingly disconnected from each other, ourselves, and our natural environment. My work is rooted in the belief that people and place have a shared history. As a result, I find myself constantly at the intersection of multiple worlds. Therefore, a few years ago, I decided to split my online presence in two. At first, I’m sharing my work that centralizes around wildlife photography on @pie_aerts, whereas my long-form documentary work, conservation and travel stories are shared on @because.people.matter

       The visual language is different on both accounts, but the foundation is very similar. With a curious eye I move through different cultures, traditions and landscapes, always aware of my responsibility to challenge stereotypes, to look deeper. To offer perspectives that remind us that even in the face of division or conflict, there is always space for coexistence, dignity, and hope. 

      I feel deeply at home in both photographic styles, and both accounts. As a result, photography for me, became a way of weaving those worlds together into a narrative that seeks to bridge rather than divide.

      Today you reach hundreds of thousands of people on social media, with your work being shared and celebrated worldwide. Looking back, what were the key factors that helped you build such a large audience? And how do you now approach the responsibility of not only sharing images but also conveying values and perspective to this community?

      With a big online presence comes an even bigger responsibility, and I take that responsibility very seriously. Over time, I’ve learned that community is everything, no matter the size. It’s tempting to chase big numbers, but real community begins with respect and appreciation for every single person who engages with your work. I’d rather have ten people interacting with my work with intention and depth than thousands swiping past it with a 3-second attention span.

      Back in 2018, when I had just started out as a full-time photographer, I looked up to a list of peers, iconic photographers who shaped how I saw the world. One day, I gathered every ounce of courage I had and reached out to one of them for advice. I never heard back. Not a word. And while I understand people are busy, even a single line would have meant the world, just to know my message was seen, my courage was felt. That moment left a mark on me. It made me decide that mutual respect would become a core value in everything I do. 

      Since then, I’ve made it a rule to respond to every email, every DM. Maybe not immediately, but always over time. The impact of that wasn’t instantly visible, but over time, people began to notice, they felt the energy of genuine connection. That single touchpoint, years later, shows to be the start of a long-term relationship with someone that engages with my work.  

      Another insight that’s helped me stay true to myself is this: no matter the circumstances, the only person who truly needs to like the work you create is you. No one else. Creating work for yourself isn’t selfish, it’s a powerful step toward discovering your own unique voice. Don’t create for your peers, for social media, your family members, or your friends. Don’t create because you feel the world needs that story. Do it for yourself. Trust your instincts. Don’t overthink what others might like or dislike. I know this can be hard when social pressure is high, but remember: you’re the one who’s meant to enjoy the process, not everyone else. The beauty of this approach is that if you truly believe in what you create, it becomes far easier to inspire others to believe in it as well.

      You regularly organize group photography trips that are about much more than just taking pictures – they focus on shared experiences, cultural exchange, and connecting with people. What originally inspired you to offer trips in this format, and how have they evolved over the years?

      Photography can be a solitary profession. For years, I was spending a lot of time on the road alone, on assignment. Often in the most stunning remote places. It made me question something: What if I invited like-minded people to come along? 

      That simple question sparked something bigger. It marked the beginning of my very first photography expedition: a photographic safari to Kenya, joined by 8 curious, open-minded guests. No one knew each other, they all traveled solo. But we connected through a shared passion for the open road, an above average interest in photographic story-telling and a sense for adventure. And what began as an experiment in 2021 has since evolved into a thriving, full-scale adventure travel business, with annual expeditions to Patagonia, Himalayas, Zambia, India, Tanzania and Kenya. 

      It’s been such an incredible journey to build this business. Taking random strangers to the places that mean so much to me. Working with guides I call dear friends, and providing unique access to people and places that are usually completely off guard for tourism. 

      There’s also something profoundly powerful about stepping into a group where no one knows each other yet, and everyone chose to be there. That shared intention creates a fast track to deep conversations, shared wonder, and very often, new friendships. In fact, solo travel in a group of stranger’s aka ‘solo-together-travel’ (sounds lame but is pretty epic), is the fastest-growing segment within global travel according to Forbes, and Conde Nast.

      All of my expedition groups are carefully curated. I attempt to bring people together, who I know will thrive in each other’s presence. Individuals with similar values, energy, or intentions, that start a journey with similar objectives.  

      Together with my guiding teams, I create a safe and warmly inviting environment for anyone coming solo. And the remote nature of the places we visit, does the rest. Without phone reception, something shifts, conversations deepen, presence returns, and people connect in ways that are increasingly rare in our lives back home.

      People come as strangers, and leave as friends. 

      After years of almost constant travel, you deliberately cleared your calendar to spend more time with your family, renovate your new home in Haarlem, and focus on projects such as Edition Hope and your next book. How has this shift from being constantly on the road to a year full of personal milestones felt for you, and what impact has it had on your photography?

      That’s right. We recently decided to sell our Amsterdam home and leave the city after 12 amazing years. Instead, we purchased an old house in Haarlem, closer to the ocean with more access to nature. However, the entire house needed to be renovated, and I decided to do the majority of that renovation myself. Meanwhile, my wife got pregnant of our second daughter, adding a little more time pressure on getting our new home ready. 

      Furthermore, I decided to bring my little fundraising baby back into the world, Prints for Wildlife, an organization I co-founded with Marion Payr in 2020 as a response to the collapse of tourism in Africa during COVID. Back then, we raised $2.1 million for conservation and, like the virus, quietly disappeared in 2022. But now, with Trump actively dismantling USAID, and knowing the catastrophic consequences this will have, we felt we had to take our responsibility. Partly, because I always deeply believed in the soothing and healing power of art. 

      To manage all of the above, I was forced to pause travel for a while, and focus on work at home. As I haven’t even talked about my next book, that’s releasing in 2026 and needs my full attention in the months ahead. 

      It was a great decision. For the first time in 8 years, I have been home for a longer period of time, without any form of travel, and I love it. I’m currently 6 months in, and it’s been the best decision to take time to build a new foundation, to create a solid base for the years ahead. Towards the end of 2025 I’m picking up travel again, with a fully booked guest expedition to Kenya and 1 last production leg for my next book on the ground in Chilean Patagonia. So don’t you worry, travel will return, but taking the time to slow down, breathe and recalibrate into a new rhythm has been the best decision in a long time.

      Alongside social media, travel, and expeditions, you continue to work on new formats and long-term bodies of work. Is there a project at the moment that is especially close to your heart, and what themes are you most drawn to right now as both an artist and a person?

      For the past 6 years I’ve worked on a poetic long-form multiplatform documentary project in Chilean Patagonia. The project explores the intimate world of a small community of ‘puesteros’, as they continue to live their isolated and traditional lives amidst the encroaching changes of the modern world. The story touches on various social and environmental layers, the most prominent one being the duality of living a life in complete isolation and the mental consequences of that.  

      I recently signed a publishing deal with GOST Books from London, UK, and we’re currently laying a first sequence for the book. It’s both beautiful and a terrifying at the same time to watch it take shape and prepare to send it out into the world. If all goes to plan, we’ll go to print by the end of this year, with a launch scheduled for August 2026. It’s a deeply personal story and the most important project I’ve worked on in my career as a photographer. 

      Equipment and Canon

      You’ve been a Canon Ambassador for several years now, which is a big recognition in the industry. Beyond the collaboration itself, what drew you to Canon in the first place, and in what way has their system shaped or even expanded the way you tell your stories?

      As long as I can remember, I’ve photographed with Canon cameras. At first, by chance, being a 17-year-old kid purchasing his first camera. But decades later with strong intentions and a clear plan in mind. Therefore, the lead-up to becoming a Canon Ambassador has been a long but rewarding journey. After collaborating with the Dutch and Benelux local offices for 10 years, I made the switch to becoming a Canon EMAA ambassador in 2020. In all those years I felt strongly empowered and deeply supported in using and expressing my voice as an artist but above all as an activist. The support they offered me on my journey has therefore been absolutely vital to the stories I send out into the world.  

      Much of your work is created in remote and often unpredictable environments, from the Ladakh to Mozambique. How do you choose the setup you carry with you, and how does your gear allow you to stay focused on storytelling rather than on technical limitations?

      Because I work in very remote locations, exposed to the elements, often at high altitude, or in extreme conditions (very warm, or very cold), the gear I work with is absolutely crucial. Therefore, I rely on simplicity and trust in my gear. I shoot with Canons R system exclusively, the R5 and R5ii, because it gives me the perfect balance of portability, reliability, and image quality. My go-to lens is the RF 28-70 f/2 lens, an absolute beast. 

      The key for me is working with equipment I know inside out. With the Canon mirrorless system, the controls feel intuitive, autofocus is incredibly dependable, and the files are flexible enough to handle anything from harsh Himalayan light to low-light conditions in coastal Mozambique. That reliability allows me to forget about the technical side once I’m on location. The camera really feels like an extension of my body and mind. What it also does, is enabling me to walk into a dust storm instead of away from it, to do the work I need to do in the freezing cold, pouring rain or blazing heat. I can fully rely on the gear I work with. 

      For the work I do in Africa, I pair my 28-70mm lens, with an RF 70-200mm f/2.8 and with longer focal primes, like the RF 400mm or RF 600mm.

      Instead of asking about a “favorite lens,” I’d like to know if there’s a lens or lenses that have actually changed the way you see. Is there maybe one piece of glass that’s become central to how you build your visual language?

      Shooting with fixed focal length lenses has fundamentally changed the way I see. Early in my journey as a photographer, I realized that ditching zooms and embracing the constraints of primes could completely shift my perspective. The truth is, the most important lens you own is your own legs. Moving your body instead of twisting a zoom ring made me a far more intentional photographer. It taught me about composition, framing, and form. It forced me to settle into focal lengths that actually matched the way I look at the world. It’s not always comfortable, and yes, it adds some weight to the bag, but that discomfort is the whole point. It makes you engage differently with your subject, your space, and your own instincts. Working within the boundaries of a single focal length sharpens your vision, helps you notice details you’d otherwise overlook, and ultimately teaches you to stop zooming and start seeing. And that is where your job as a photographer starts, by seeing things other people don’t see, by unveiling what’s hidden. 

      That’s why I always encourage photographers who rely on zooms to add at least one prime lens to their kit. And if buying a new lens isn’t an option, there’s a simple workaround: carry a roll of tape. Lock your zoom at a single focal length, say 50mm, and commit to shooting only at that distance for a week, whether on a trip or an assignment. You’ll quickly experience how powerful that constraint can be.

      You’ve spoken about the importance of analog photography in your life. How does working with film influence the way you shoot digitally? Does it alter your rhythm, your patience, or even the way you frame stories when you pick up your digital camera again?

      After working with both mediums simultaneously for more than 7 years, I learned a lot, but I thing stuck with me in particular. Shooting digitally is cultivating a relationship with success, whereas shooting film is nurturing a relationship with failure. When you pick up a film camera, you essentially teach yourself to dance with mistakes, and there's something profoundly powerful in that choice, as learning to deal with the imperfections of the craft, fosters a very steep creative learning curve.

      However, there’s also incredible potential in fine-tuning and optimizing your relationship with success, as the technological advancement of digital cameras open up a whole new dimension of visual story-telling. 

      Therefore, deciding which camera to use for what assignment, for me is not a decision driven by aesthetics, but rather by methodology. I intentionally pick a tool that serves a particular purpose, sometimes that's a camera that puts me in a mental state that fosters meaningful exchange, and other times, that's a camera that allows me to experiment without feeling bad about failing. In both situations, aesthetics is just a result of that.

      Photography is always a balance between technical skill and emotional impact. In your work, the emotional dimension seams takes center stage. How do you make sure that your equipment never becomes an end in itself, but instead serves to amplify the stories you want to tell?

      It seems an often-made mistake to imagine that colour, artistic quality or aesthetics in general derive from equipment or post production. In my early days as young photographer, I spent countless hours studying and attempting to replicate other photographers' aesthetics, only to find out years later that it was pointless, a waste of time in fact. 

      Instead, I learned that investing your time wisely in training your eye to see better, and to see different, has a significantly higher return on your journey to finding your own style. The power of observation, your ability to have a profound sensitivity to light, your understanding of the meaning of certain moments and your intuitive emotional response to them, as well as the cultivation of your cognitive reflex to recognising form and composition will all lead the way towards defining your own style.

      This whole intellectual pursuit is what will give you better images, better edits, better stories. Any form of technology is secondary to that.