Steven Bernhard, ein schweizerisch-spanischer Fotograf und Creative Director aus Genf mit über zehn Jahren Erfahrung in Fotografie, Postproduktion und der Musikbranche. In seiner Arbeit dreht sich alles um den bewussten Einsatz von Licht und Farbe als zentrale Werkzeuge für visuelles Storytelling.
TIPP NR. 1: IMPROVISATION ALS SUPERPOWER
Arbeite an deiner Fähigkeit zu improvisieren, falls etwas schiefläuft. Wenn du dich in jeder Situation sicher fühlst, läuft ein Shooting deutlich entspannter ab und du traust dich eher, Neues auszuprobieren. Vertrauen in die eigene Kreativität hilft dabei, Probleme in etwas Persönliches zu verwandeln.
Warum ist dieser Tipp so wichtig?
Oft versuchen wir, im Studio oder on Location alles unter Kontrolle zu halten, weil von allen Seiten Druck entsteht. Vor allem bei grossen Teams ist Zeit meist der kritischste Faktor. Wenn du neben deinem Plan auch bereit bist zu improvisieren, wird das Ergebnis persönlicher und der gesamte Prozess fühlt sich weniger wie ein Pflichtprogramm und mehr wie ein Spiel an, das man geniessen kann.
Wann funktioniert das besonders gut?
Aus Angst, den Ablauf zu verzögern, vermeiden viele es, zu stark zu improvisieren. Der beste Moment dafür ist aber genau dann, wenn du das geplante Ergebnis bereits im Kasten hast. Dann kannst du den Plan kurz loslassen und Raum für spontane Kreativität schaffen.
Kannst du ein konkretes Beispiel geben?
Einmal sollten wir Porträts für Dior Beauty fotografieren. Geplant war ein Hotelzimmer, in dem wir frei mit natürlichem Licht arbeiten und einen eher natürlichen Look umsetzen wollten. Vor Ort stellte sich jedoch heraus, dass das gesamte Hotel von anderen Teams mit verschiedenen Celebrities belegt war. Jeder hatte sein eigenes Film- und Fototeam dabei, wir hatten also kaum Zeit und praktisch keinen Platz. Flure und Räume waren voll mit Fotografen, Licht-Setups und Technik. Also bin ich kurzerhand ins oberste Stockwerk gegangen und habe dort Vasen entdeckt, die in sehr schönem Licht standen. Wir haben einen Mitarbeiter gebeten, das Licht im Flur auszuschalten, und innerhalb von etwa zehn Minuten wurde aus dem Problem eine fast ideale Situation.
Was machen viele hier falsch?
Unter Zeitdruck trifft man oft vorschnelle Entscheidungen und übersieht mögliche Lösungen. Aus Angst zu scheitern bleibt man lieber auf der sicheren Seite. Das geht jedoch meist mit einem fehlenden Vertrauen in die eigene Improvisationsfähigkeit einher.
TIPP NR. 2: AUTHENTISCHE PORTRAITS
Schaffe erst einen echten Moment, bevor du ihn fotografierst. Plane nicht zu viel im Voraus und vertraue darauf, dass zwischen Menschen etwas von selbst entsteht.
Warum ist dieser Tipp so wichtig?
Porträtfotografie lebt oft von Einfachheit und einem reduzierten Setup. Dadurch liegt die gesamte Aussage bei der Person vor der Kamera. Umso wichtiger ist es, vor dem Shooting einen echten Moment oder ein Gespräch entstehen zu lassen, damit sich etwas Authentisches in der Geschichte widerspiegelt, die du erzählen willst.
Wann funktioniert das besonders gut?
Vor allem bei persönlicheren Projekten, bei denen eine echte Verbindung entsteht. Dann fällt es leichter, Nähe aufzubauen und authentische Momente einzufangen. Es funktioniert aber auch dann gut, wenn du dir vor dem Fotografieren bewusst Zeit für einen persönlichen Austausch nimmst, um deine Gedanken klar zu vermitteln.
Kannst du ein konkretes Beispiel geben?
In diesem Beispiel hatte ich das Glück, mit einem der beeindruckendsten Künstler zu arbeiten, die ich kenne. Er hat meine Ideen sofort verstanden und den Raum mit Leben gefüllt. Am Ende wurde es einer der emotionalsten Momente, die ich je beim Fotografieren erlebt habe. Schon vor dem Shooting haben wir uns getroffen, um uns auszutauschen. Die Verbindung war sofort da, und in diesem Gespräch hat sich die Geschichte bereits entwickelt. Vor Ort haben wir einfach weitergeredet und immer wieder kurz pausiert, um Fotos zu machen. Irgendwann wurde die Stille zu dem Moment, in dem all die Fragen beantwortet wurden, die wir zuvor in den Raum gestellt hatten. Der Ort selbst war ungewöhnlich, fast so, als dürften wir gar nicht dort sein. Einige Passanten haben uns sogar darauf angesprochen. Gleichzeitig war uns klar, dass das, was wir geschaffen haben, nicht in die Erwartungen von aussen passen musste. Keine Pose war geplant.
Was machen viele hier falsch?
Oft versuchen wir, eine Geschichte festzulegen, bevor wir sie überhaupt erlebt haben, und verlieren uns dabei in konkreten Ideen und Referenzen. Porträts brauchen jedoch Entwicklung. Die Geschichte sollte immer im Moment entstehen.
TIPP NR. 3: SEI DEIN EIGENER KUNDE
Sei dein eigener Auftraggeber und setze deine Ideen selbst um. Nutze deine freie Zeit, bring andere Kreative zusammen und erschafft gemeinsam etwas. Entwickelt persönliche Geschichten, teilt eure Gedanken miteinander, ohne auf den perfekten Moment zu warten, und versucht, den Fokus weniger auf das Individuelle zu legen.
Warum ist dieser Tipp so wichtig?
Es ist entscheidend, Ideen zu teilen und mit unterschiedlichen Menschen zu arbeiten, damit sich daraus etwas Neues entwickeln kann. Es ist oft schwierig, den eigenen Arbeiten gegenüber wirklich kritisch zu sein. Deshalb kann es einen grossen Unterschied machen, jemanden an seiner Seite zu haben, der einen gut kennt und ehrliches, fundiertes Feedback geben kann.
Wann funktioniert das besonders gut?
Besonders dann, wenn zwei Freunde, Partner oder Familienmitglieder eine ähnliche Vision von Kunst teilen oder unterschiedliche Stärken mitbringen, die sich im kreativen Prozess ergänzen.
Kannst du ein konkretes Beispiel geben?
In den letzten Jahren habe ich gemeinsam mit meinem besten Freund ein Projekt aufgebaut, das wir „Capilladelacruz“ nennen. Darin experimentieren wir mit allem, was uns umgibt, oft in sehr begrenzten Räumen und Momenten. Unser Ziel ist es, herauszufinden, wie wir unsere beiden Welten miteinander verbinden können. Indem wir unsere Nachnamen kombiniert und eine Art stille Erzählung entwickelt haben, entsteht nach und nach ein eigenes Universum. Ein Raum, in dem wir ohne Einschränkungen arbeiten können und der sowohl dem Lernen als auch dem Alltag eine neue Bedeutung gibt.
Was machen viele hier falsch?
Viele glauben, dass Dinge ohne finanziellen Nutzen oder ohne grosse Aussenwirkung ihre Zeit nicht wert sind. Dass sie nichts zu der Zukunft beitragen, die sie sich aufbauen wollen. Dabei geht oft das Experimentieren verloren. Und genau das macht es schwieriger herauszufinden, ob das, was man tut, wirklich aus einem selbst kommt oder ob man einfach noch nicht entdeckt hat, was einen tatsächlich erfüllt.
STEVEN'S EQUIPMENT
Mit welchem Setup arbeitest du aktuell und warum?
Aktuell arbeite ich mit der Canon EOS 5D Mark IV zusammen mit dem Canon EF 100mm f/2.8 Macro, dem Canon EF 24-70mm f/2.8L, dem Canon EF 50mm f/1.4 und dem Canon EF 11-24mm f/4L.
Wenn du nur ein Objektiv verwenden dürftest, welches wäre es?
Im Moment ganz klar das 100mm Macro.
Welche Funktionen deiner Kamera nutzt du am häufigsten und in welchen Situationen?
Bei spezifischen Einstellungen bin ich eher flexibel, weil ich ständig Dinge verändere und nicht wirklich nach Perfektion strebe. Ich arbeite meist mit so wenig Licht wie möglich und baue meine Bilder aus den Schatten heraus auf. Deshalb geht mein ISO in der Regel nicht über 200. Gleichzeitig spiele ich viel mit der Verschlusszeit, um mich an die jeweilige Situation anzupassen. Dort fühle ich mich am wohlsten, wenn es ums Experimentieren geht.
Welche Accessoires nutzt du regelmässig und warum?
Filter sind relativ neu in meinem Workflow, aber ich arbeite inzwischen sehr gern damit. Sie geben mir deutlich mehr Kontrolle über das Licht und eröffnen gleichzeitig Raum für neue, unerwartete Fehler.
Wenn du dein Setup in einem Satz beschreiben müsstest, wie würde er lauten?
Minimalismus trifft Chaos auf einer weissen Fläche.
ÜBER STEVEN BERNHARD
Wofür bist du bekannt bzw. was zeichnet deine Arbeit aus?
Ich würde sagen, meine Arbeit ist geprägt von Minimalismus und Farbe. Wahrscheinlich, weil diese Elemente immer wieder auftauchen, während ich gleichzeitig Licht als zentrales Gestaltungsmittel erforsche. Besonders schätze ich die Möglichkeit, meine visuelle Sprache flexibel an unterschiedlichste Kunden anzupassen.
In welcher Art Fotografie fühlst du dich am wohlsten? Warum?
Ganz klar in der Porträtfotografie. In den Augen liegt etwas, das mich jedes Mal in eine andere Welt zieht. Ich bin in einer verzerrten Schönheitskultur aufgewachsen, und vielleicht deshalb fasziniert mich der zutiefst menschliche Aspekt daran, sich selbst in einem völlig neuen Kontext zu inszenieren. Aktuell reizt es mich besonders, mit aufwendigeren Sets zu arbeiten, komplexere Szenen zu schaffen und diese Schritt für Schritt um weitere Ebenen zu erweitern, um visuelle Geschichten zu erzählen.
Was war ein prägender Moment in deiner Fotografie Karriere?
Einer der wichtigsten Momente war für mich die Erkenntnis, dass die Träume, die ich zu Beginn meiner Karriere hatte, nicht das eigentliche Ziel sind. Das hat mir gezeigt, dass meine Verbindung zur Fotografie viel tiefer geht.
Was beschäftigt / inspiriert dich fotografisch gerade am meisten?
Im Moment dreht sich für mich alles um Licht.
Was inspiriert dich ausserhalb der Fotografie?
Wie die meisten Menschen bin ich stark an mein Smartphone gebunden, und es ist definitiv eine meiner wichtigsten Inspirationsquellen. Gleichzeitig versuche ich ganz bewusst, meine Umgebung aufmerksam wahrzunehmen und daraus Inspiration zu ziehen. Sie kann jederzeit und überall entstehen.


























