
✈️ Ein Urlaub, drei Objektive und eine Entscheidung
Im Urlaub gibt es für mich nichts Schöneres, als mich ausführlich mit Fotoequipment auseinanderzusetzen, welches im Alltag manchmal etwas zu kurz kommt. Ich lade mir meistens schon für den Flug das neueste LFI-Magazin auf mein iPad oder speichere mir Artikel oder YouTube-Videos über Equipment offline. Am allerbesten ist es natürlich, wenn ich Equipment physisch testen darf.
Das war bei den Objektiven in diesem Artikel der Fall. Foto Zumstein hat mir das Thypoch Simera 28, 50 und 75 mm zur Verfügung gestellt. Es war zwar kein Pyramiden-Roadtrip geplant, aber ein grosses Hotelresort am Meer sollte genug Spielraum für Tests bieten. Und ich verrate dir auch direkt im Voraus, dass ich mir alle drei Objektive nach dem Urlaub gekauft habe. Einziger Unterschied: Ich habe sie in der Farbe Silber gekauft, weil mir der Look besonders gut an meiner Leica M11-P Safari gefällt.
Die Ausgangslage
Ich fand den Einstieg zu Leica 2022 mit der Q2 und musste mir dank fest verbautem Objektiv keine Gedanken zu weiteren Brennweiten machen. Es verging nicht viel Zeit, bis ich mir eine gebrauchte M Typ 240 und dazu ein gebrauchtes Summicron M 1.4 50 bei Foto Video Zumstein in der Occasionen Vitrine gekauft habe. Leica Linsen sind sehr gut, auch die älteren. Da sie für den Messsucher entwickelt wurden, bieten aber nur einige ganz neue Modelle zum Beispiel eine kürzere Naheinstellgrenze als 70 Zentimeter. Der Messsucher ist nicht in der Lage, kürzere Naheinstellgrenzen für den manuellen Fokus anzuzeigen, das funktioniert dann über das LCD.
Trotzdem haben die originalen Leica Objektive ihren Preis. Gerade wenn man eine Brennweite nicht so oft braucht oder sich noch unsicher ist, ob man sich eine Brennweite von Leica selbst leisten möchte, ist ein Thypoch Objektiv eine spannende Alternative. Sie sind aber auch abgesehen vom originalen Leica Glas eine gute Wahl. Das muss jede Fotografin und jeder Fotograf für sich entscheiden. Wie viel Glow bei Offenblende, wie viel Schärfe bis in die Ränder, welche Grösse, welches Gewicht und welcher Preis sich für den eigenen Stil richtig anfühlen.
Ich versuche in diesem Artikel ein neutrales Auge auf die Gläser zu werfen. Ich durfte schon mit sehr unterschiedlichen Fotofreunden über Objektive von Leica und Fremdherstellern sprechen und chatten und mir ist bewusst, dass die unterschiedlichen Anwendungszwecke genauso wie der persönliche Geschmack viel dazu beitragen, ob man Drittanbieterobjektive an eine Leica M Kamera schrauben möchte.
Ich kannte Thypoch nicht wirklich und bin nur ein, zweimal über den Namen gestolpert. Bis mir bei Foto Video Zumstein mal so eines in die Hand gedrückt wurde. Ich war überrascht. Ich habe nicht diesen Konstruktionsstandard erwartet. Vielleicht war das naiv oder frech, aber immerhin war ich positiv überrascht. Die Objektive sehen hübsch aus, die schwarzen Versionen, die ich dann zum Testen mit in den Urlaub nehmen durfte, genauso wie die silbernen Varianten, die ich mir danach gekauft habe. Der Blendenring läuft mit genau dem richtigen Widerstand. Die Klicks sind eine haptische Wohltat. Der etwas stärkere Klick beim Übergang in den Nahfokussierbereich ist sehr gut verarbeitet, man spürt den Wechsel perfekt, ohne dass er zu leichtgängig wäre.
Thy-wer?
Thypoch ist eine junge Marke aus China. Auf der Photopia in Hamburg wurden 2023 erstmalig die beiden Simera 28mm und 35mm f1.4 vorgestellt. Unterdessen bietet Thypoch neben der Simera Linie mit 28, 35, 50 und 75mm Brennweite, alle mit Close Focus und f1.4, auch die Eureka Linie an. Das Eureka 50mm f2 ist ein herausdrehbares Objektiv, dessen Design von Leica übernommen wurde. Zwischenzeitlich wurde zusätzlich eine Version mit 28mm f2.8 angekündigt. Beim 50mm beträgt die Naheinstellgrenze allerdings 90cm und beim neuen 28mm f2.8 40cm, wie bei den Simeras. Neben den Produkten, die sich an fotobegeisterte Kundinnen und Kunden richten, bietet Thypoch mit der Simera C Linie auch Objektive für den Einsatz im Videobereich an. Diese sind alle mit T1.5 in den Brennweiten 21, 28, 35, 50 und 75mm verfügbar. Das Design beinhaltet ausgeprägte Rillen für Fokusmotoren, wie sie bei Cinema Glas üblich sind. Alle Objektive sind für eine Vielzahl an Bajonetten verfügbar. Am besten filterst du im Webshop bei Foto Video Zumstein nach der Marke Thypoch, so findest du am schnellsten heraus, ob das Objektiv auch für deinen Mount verfügbar ist. Nice to know: Thypoch bietet sehr gut verarbeitete M Mount Adapter mit Verriegelung an, ähnlich wie beim PL-Mount. Ich nutze so einen Adapter, um meine M Mount Objektive an meinen Hybridkameras zu verwenden.
Die Thypoch Produkte zeichnen sich durch eine qualitativ hochwertige Verarbeitung aus. Ja, ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass Objektive eines Drittherstellers für M Mount eine derart gute Bildqualität liefern. Leica Objektive sind ein eigenes Level und ich möchte hier nicht in Vergleiche abrutschen. Trotzdem musste ich mir eingestehen, dass die meisten Leute keinen Unterschied sehen und vor allem Enthusiasten und Highend Anwender noch Nuancen feststellen. Für die kreative Arbeit bieten die Thypoch Objektive eine finanziell angenehme Alternative. Bei mir zeigt sich das gut an der Brennweite von 28mm. Ich besitze eine Leica Q3 und bin sehr happy damit. Manchmal schränke ich mich aber bewusst ein, um meine Kreativität zu fördern, und bin dann ausschliesslich mit einem M Body unterwegs. Meine Lieblingsbrennweiten mit der M sind 35 oder 50 Millimeter. Da ich mir nun das Thypoch Simera 28mm f1.4 geleistet habe, kann ich dieses zusätzlich mit in die Tasche packen. Es belastet mein Budget nicht so stark wie ein Leica Objektiv und ich kann trotzdem jederzeit auf 28mm wechseln. Ausserdem macht es Spass, die Bildqualität zu vergleichen und die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gläsern festzustellen. Die 28mm f1.4 Version von Leica kostet fast das Zehnfache und bietet sicher eine brachiale optische Leistung. Für die paar Male, bei denen ich mit 28mm fotografiere, wäre das schlicht übertrieben.
Thypoch Simera 28mm f1.4
Für die ersten Tage in Ägypten habe ich mich für die 28mm Brennweite entschieden. Die hat mich am meisten interessiert, da ich bereits andere 50 Millimeter besessen habe und mir das 75mm für später aufheben wollte. Bitte erwarte nicht zu viel Ägypten auf den Bildern. Ich habe mit meiner Frau einen entspannten Resort Urlaub genossen. Die meisten Bilder sind beim Spaziergang über das Gelände mehrerer grosser Hotelanlagen entstanden.
Ich bin mir 28mm inzwischen von der Leica Q3 gewohnt. Dort ist ein absolutes Spitzenobjektiv verbaut. Auch wenn ich mich, als alter 35 Millimeter Liebhaber zuerst an den zusätzlichen Field of View gewöhnen musste. Es ist aber sehr spannend, in 35 Millimetern zu denken, aber eben diese paar Prozent mehr Bild drauf zu haben. Genauso wie bei der Q3 hat auch die M11 einen 60 Megapixel Vollformatsensor. Es bleibt also mehr als genug Auflösung, um den Look einfach zu croppen.
Bei Landscape Aufnahmen oder generell Bildern, auf denen man den Ort zeigen will, egal ob draussen oder drinnen, sind die zusätzlichen Millimeter Weitwinkel ein Segen. Haptisch ist das 28er sehr solide verarbeitet. Es fühlt sich stabil und wertig an. Metall, klar. Den Fokus und den Blendenring habe ich bereits beschrieben.
Es gab eine Version 1 mit einem etwas ungünstigen Infinity Lock. Jedes Mal, wenn das Objektiv auf unendlich fokussiert wurde, rastete ein Splint ein. Bei der neueren V2 kann man das Fokus Tab, also diese kleine Erhebung am Fokusring, einrasten, wenn man will. Es rastet aber nicht mehr automatisch ein. So verliert man keine Zeit, wieder auf eine kürzere Distanz zu fokussieren, weil man zuerst den Lock lösen muss. Sehr gut korrigiert von Thypoch.
Alle gezeigten Bilder sind bearbeitet. Die JPGs von Leica sind schön, aber mir macht Bildbearbeitung viel Spass und ich mag meine Bilder generell etwas wärmer. Auf einigen Bildern sieht man die Vignette deutlich. Das stört mich nicht, ich habe lange Hochzeiten fotografiert und mache auch heute noch ein paar pro Jahr. Ich mag diesen leichten Fokus zur Bildmitte, den eine Vignette erzeugt. Bei Offenblende ist sie stärker, blendet man ab, verschwindet sie schnell.
Die Kontraste sind gut, und Farbverschiebungen oder Säume habe ich keine nennenswerten festgestellt. Fairerweise habe ich aber auch keine Testcharts fotografiert. Die Close Focus Funktion ist gerade bei einem Weitwinkel spannend. Zusammen mit Blende f1.4 kann man Objekte sehr schön in den Fokus bringen. Ja, primär in der Bildmitte, und ja, sicher nicht für jeden. Ich mag diesen Look sehr, wenn ein Subjekt in einer weiten Szene ein wenig aus dem Bild heraus ploppt.
Thypoch Simera 50mm f1.4
Beim 50 Millimeter Objektiv wiederholen sich einige Merkmale, die auch bei den anderen Simeras vorkommen. Es gibt eine sichtbare Vignette und einen leichten Glow bei Offenblende in der Bildmitte. Sobald man etwas abblendet, wird das Objektiv spürbar schärfer. Ich finde aber, dass gerade das 50er dadurch sehr variabel im Einsatz ist. Offenblendige Portraits wirken leicht schmeichelnd zur Haut, der Übergang von der Schärfeebene in die Unschärfe passiert sehr organisch und das Bokeh ist cremig und weich.
Ein Vergleich, den ich oft im Kopf habe, ist der mit Smartphones. Wenn man im normalen Fotomodus, also ohne Portraitmodus, mit 1x oder 2x Zoom fotografiert und einen Finger nah an die Linse hält, entsteht beim Smartphone meistens eine nervöse Unschärfe. Bei meinen letzten iPhone Modellen war das jedenfalls so. Die Unschärfe wirkt unruhig und teilweise sogar unschön. Bokeh Kreise zeigen komische Artefakte und Säume von Pflanzen erinnern an stark komprimierte Bilder, als hätte man sie unzählige Male per WhatsApp verschickt. Wenn man bei Objektiven genau auf diese Säume und die Übergänge zur Unschärfe achtet, erkennt man meiner Meinung nach sehr viel über die Qualität des Glases. Probiere es mit deinen eigenen Objektiven doch einmal aus.
Thypoch Simera 75mm f1.4
Nach einigen Tagen mit 28 und anschliessend 50 Millimeter habe ich mich auf das 75 Millimeter gefreut. Ich war sogar gespannt, wie es wird, nah an meiner üblichen Arbeitsbrennweite mit der M11 zu fotografieren. Telebrennweiten sind auf der manuell fokussierten M11 sicher nicht ganz einfach und man braucht etwas Übung und Routine, um auch bei sich bewegenden Sujets zu treffen. Gerade bei Offenblende.
Einige erschwingliche Leica Objektive habe ich in diesem Brennweitenbereich schon ausprobiert, aber mir bisher nie eines gekauft. Der Bedarf, ein eigenes Teleobjektiv für die M zu besitzen, blieb aus, sicher auch wegen des Preises. Selbst gute Gebrauchtgläser kosten meistens mindestens das Zweieinhalbfache des Thypoch Simera 75mm. Und die starten bei f2.
Nun habe ich also ein schönes, gut verarbeitetes und haptisch sehr angenehmes 75mm von Thypoch auf meiner M11 und war bei den ersten Bildern gleichzeitig beeindruckt und leicht beeinträchtigt. Blende 1.4 bei 75 Millimeter bringt natürlich viel Tiefenunschärfe. Der Look, gepaart mit dem Sensor, respektive der Art, wie Leica die Daten verarbeitet, sieht einfach toll aus. Die Farben sind kräftig, die Kanten glühen leicht. Richtig scharf ist anders, aber es ist keinesfalls schlecht. Weitere Bilder entstehen bei leicht geschlossener Blende, die Vignette verschwindet und die Schärfe nimmt zu. Also sehr ähnlich wie bei den 28 und 50 Millimeter Versionen.
Beeinträchtigt hat mich vor allem das manuelle Fokussieren im Messsucher. Das ist bei 75mm einfach nicht ideal. Ich erinnere mich an rund 30 Grad irgendwo bei Marsa Alam kurz vor Mittag. Auf dem LCD sieht man im harschen Sonnenlicht auch nicht viel mehr. Erst später im gedeckten Café wurde das Scharfstellen angenehmer. Dass 75mm mit Close Focus bei f1.4 tolle Freistellungen liefern, muss ich nicht extra hervorheben. Aber auch auf mittlere Distanz entsteht ein schöner Effekt, der richtig Spass macht.
Ja, das Objektiv hat bei Offenblende einen ordentlichen Glow an den Kanten. Ich mag das ganz gern, es nimmt dem digitalen Sensor etwas von diesem überscharfen Charakter. Aber das ist natürlich Geschmackssache.
Fazit
Durch seine Mischung aus Retrolook und moderner Optik bietet Thypoch eine spannende Alternative im M System. Die Objektive sehen nicht nur hübsch aus, sie fühlen sich auch sehr wertig an und liefern eine Bildqualität, die mich überrascht hat. Sie erreichen nicht das absolute Maximum an technischer Perfektion wie die Spitzenobjektive von Leica, aber das müssen sie auch nicht. Sie haben einen eigenen Charakter, einen eigenen Look und vor allem ein Preis-Leistungs-Verhältnis, das es erlaubt, mit Brennweiten zu experimentieren, ohne sich finanziell zu überfordern.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Vielseitigkeit der Thypoch Simera Serie. Offenblendig liefert sie ein weiches, fast cinematisches Rendering mit einem leichten Glow, der gerade bei Portraits sehr angenehm sein kann. Blendet man etwas ab, werden die Bilder scharf und klar, die Vignette geht zurück und man bekommt einen moderneren Look. Das 28mm hat mir im Urlaub viel Spass gemacht, das 50mm ist ein richtiger Allrounder, und das 75mm bietet einen Look, der besonders an Leica M Kameras schön zur Geltung kommt, auch wenn das Fokussieren anspruchsvoller ist. Thypoch ermöglicht es, kreative Entscheidungen zu treffen, ohne in Leica Dimensionen denken zu müssen. Wer die M liebt, weiss, dass jedes Objektiv eine Einladung ist, anders zu fotografieren und neue Perspektiven auszuprobieren. Genau das ermöglichen diese Objektive sehr gut.
Für wen sind die Thypoch Objektive geeignet?
Für alle, die gerne manuell arbeiten, Freude an Charakter im Bild haben und hochwertige Verarbeitung schätzen, aber dabei ihr Portemonnaie nicht überstrapazieren wollen. Für alle, die gerne mit Brennweiten spielen, ohne gleich vierstellige Summen zu investieren. Und auch für alle, die einfach Lust haben, ihre M Kamera mit etwas Neuem und gleichzeitig Klassischem zu erweitern.
Bonus: Eureka 50mm f2
Nachdem ich die Demo Gläser retourniert habe – herzlichen Dank an Foto Video Zumstein – habe ich mir alle drei in silber gekauft und durfte noch einige Tage das Eureka 50mm f2.8 testen. Thypoch spricht hier von einem Replika Objektiv, es ist offensichtlich Ur Leica Linsen nachempfunden, welche ausziehbar waren. Also die ersten 5 Zentimeter Objektive. Die Verarbeitung der Linse ist wie bei den Simeras sehr gut. Das Objektiv macht Spass und es ist besonders an der M11 P Safari ein Augenschmaus. Im eingefahrenen Zustand kann man nicht scharfstellen, fürs Fotografieren muss man es also herausdrehen. Das geht einfach von der Hand und fühlt sich wertig an. Es ist auch direkt ein UV-Schutzfilter und eine kleine Gegenlichtblende im Lieferumfang enthalten.
Mit seiner Naheinstellgrenze von einem Meter ist das Objektiv nicht so sehr mein Liebling. Ich mag es, näher ranzukommen. Für Street Fotografie und Reisen ist es aber dank seiner Grösse genial. Die Abbildungsleistung ist ebenfalls sehr gut. Wenn ich es mir erlauben darf, ist sie fast zu gut. Das Objektiv dürfte ein bisschen weniger modern rendern.




























