
Der wohlklingende Name Noctilux ist vielen ein Begriff, auch ausserhalb der Leica Welt. Hinter dem Namen verbergen sich sehr lichtstarke Objektive mit herausragender optischer Qualität, aber ebenso eindrücklichen Preisen. Lohnt sich so eine Investition? Ich durfte das neue Leica Noctilux 35mm testen und erzähle dir in diesem Artikel über meine Erfahrungen.
📸 Noctilux
Der Name stammt aus dem Lateinischen und lässt mehrere Interpretationen zu. Sinngemäss könnte man ihn als Licht der Nacht oder Nachtlicht übersetzen. Bei Objektiven dieser Serie geht es in erster Linie um Licht. Es gibt keine exakt definierte Blende – alle Noctilux-Objektive sind jedoch lichtstärker als f1.4.
1966 wurde mit dem Noctilux M 50mm f1.2 das erste Objektiv dieser Reihe vorgestellt. Es enthält zwei asphärische Linsen und ist heute sehr selten. 2021 wurde eine Neuauflage mit moderner Vergütung und Fertigung vorgestellt. Zudem hat die neuere Version ein 49mm Filtergewinde, was die Nutzung von Schraubfiltern deutlich vereinfacht.
1976 wurde das 50mm f1 vorgestellt, welches lange das lichtstärkste Serienobjektiv auf dem Markt war. Seit 2008 ist das Noctilux 50mm f0.95 erhältlich – und bis heute im Sortiment. Ausserhalb der 50mm Brennweite gab es seither nur das 2017 veröffentlichte 75mm Noctilux mit f1.25. Nun ergänzt das neue Noctilux M f1.2 diese Reihe.
🛠 Verarbeitung
Die Haptik ist beeindruckend. Das Objektiv ist massiv und filigran zugleich. Es wirkt äusserst hochwertig, liegt mit einem angenehmen Gewicht in der Hand und alle beweglichen Elemente sitzen perfekt an ihrem Platz. Der Blendenring rastet mit einem präzisen, satt klingenden Klick in die einzelnen Positionen. Der Fokusring gleitet kontrolliert – nicht zu leichtgängig – und lässt sich auch ohne Fokus-Tab exakt steuern.
Viele manuell fokussierte Objektive verfügen über eine aufgesetzte Mulde am Fokusring, die der Fingerkuppe Halt beim Fokussieren bietet. Gerade bei grösseren Objektiven kann ein solcher Fokus-Tab jedoch als störend empfunden werden – etwa wenn sich die Kamera dadurch nicht mehr plan auf einer Fläche abstellen lässt. Daher ist die feine Riffelung auf dem Fokusring wichtig, um beim Fokussieren eine optimale Traktion zu erhalten. Das ist bei Leica Objektiven generell gegeben und auch beim Noctilux M 35mm sehr gut umgesetzt.
Das Objektiv bietet ein 49 Millimeter Filtergewinde wie beispielsweise die Leica Q Familie. Für dieses Gewinde steht eine grosse Auswahl an UV-Schutz- und Effektfiltern zur Verfügung. Die Sonnenblende lässt sich elegant herausdrehen und sicher verriegeln – ein separates Teil, das verloren gehen könnte, gibt es nicht.
🚀 Charakteristik
Über die Bildwirkung oder den Look habe ich schon mit einigen Kolleginnen und Kollegen philosophiert. Schliesslich kostet das neue Noctilux mit 35 Millimeter Brennweite rund ein Drittel mehr als das Summilux mit 35 Millimeter und Blende f1.4.
Ich habe aber selbst stark unterschätzt, wie viel mehr Licht bei Blende f1.2 durch das Objektiv kommt. Es sind tatsächlich etwa 36 Prozent. Ich habe dazu mehrere Quellen und Formeln angeschaut und komme immer zum gleichen Ergebnis. Der Schritt von Blende f1.4 auf f1.2 ergibt ungefähr ein Drittel mehr Licht.
Das ist eindrücklich – aber längst nicht der einzige Mehrwert des Noctilux. Gegenüber dem, bereits seit einigen Monaten erhältlichen, Summilux-M 35mm f1.4 zeigt es einen leichten Swirl in der Tiefenunschärfe. Es entsteht eine Art optisches Vakuum, das den Blick noch stärker in die Bildmitte zieht.
Je mehr einzelne, helle Elemente im Hintergrund auftreten, desto stärker entfaltet sich dieser angenehme, träumerische Effekt. Motive lassen sich so auf natürliche Weise künstlerisch einrahmen. Die Bilder wirken mit wenig Aufwand malerisch – und es macht grossen Spass zu experimentieren, wann und bei welchem Lichteinfall der Effekt stärker oder subtiler zur Geltung kommt.
🔎 Close Focus und der Messsucher
Leica hat bewusst auf die Platzierung eines Fokustabs verzichtet. Das ist die Griffmulde, die meist auf dem Fokusring sitzt. Das ist einerseits sinnvoll, da diese Mulde im Fokusbereich von rund einem Meter oft genau unter dem Objektiv liegt und man die Kamera dann nicht mehr eben auf eine Unterlage stellen kann.
Zudem bietet das neue Noctilux eine Naheinstellgrenze von rund 50 Zentimetern. Das sind 20 Zentimeter mehr, als der Messsucher optisch abbilden kann. Der Bereich des Close Focus lässt sich deshalb nur mit dem Display scharfstellen oder schätzen. Daher eignet sich die 2025 erschienene Leica M EV1 mit ihrem elektronischen Sucher perfekt als Body. Wenn man aber eine klassische Messsucherkamera im Einsatz hat, gibt einem ein leichter Widerstand beim Drehen des Fokusrings – die haptische Information, dass man jetzt in den Nahbereich unter 70 Zentimeter wechselt.
Die Drehung des Fokusrings über den gesamten Fokusbereich entspricht ziemlich genau der Hälfte des Objektivs. Wenn ich meinen Zeigefinger nahe beim Leica Logo der Kamera auf die 50 Zentimeter Marke setze und den Fokusring auf unendlich drehe, ist mein Finger anschliessend exakt 180 Grad auf der unteren Seite. Dabei nimmt die Skala des Nahbereichs von 50 bis 70 Zentimeter ungefähr ein Drittel des gesamten Fokuswegs ein. Das ist sehr schön gelöst und absolut tauglich für Fotografinnen und Fotografen, die das Noctilux mit ihrem Messsucher nutzen wollen und für den Nahbereich auf das Display wechseln.
Ich nutze mein Noctilux an meiner klassischen Leica M11 in Schwarz glänzend, an meiner EV1 und ebenfalls sehr gerne an meiner M10 Monochrom. Der monochrome Sensor und das Noctilux 35 Millimeter sind ein Dreamteam. Der beschriebene leichte Swirl in Kombination mit der Tiefe des monochromen Sensors ist sehr eindrücklich und man kann gar nicht aufhören, Fotos zu schiessen.
📝 Fazit
Ich hatte das neue Leica Noctilux für M Bajonett mit 35 Millimeter Brennweite während einigen Tagen parallel zu meinem Summilux M 1.4 35 Asph. im Einsatz und es wird dich nicht überraschen, dass ich am liebsten beide behalten würde.
Das Summilux ist ein modernes 35 Millimeter Objektiv, kleiner und mit 320g Gewicht 96g leichter als das neue Noctilux mit 35 Millimeter. Das Bildrendering ist im direkten Vergleich etwas neutraler. Der Bildlook verändert sich beim Abblenden nicht stark und bleibt über alle Blendenstufen hinweg ruhig. Beim Noctilux ist das Bild verspielt. Das Bokeh tanzt förmlich und lässt sich durch das Abblenden zähmen. Die Bildwirkung ist künstlerischer und etwas weniger kontrollierbar als beim Summilux. Aber genau das soll ein Noctilux mit sich bringen.
Die Schärfe in der Bildmitte ist besonders beeindruckend. Trotz des sanften Übergangs in die Unschärfe bleibt sie selbst bei Blende f1.2 überraschend präzise. Natürlich erfordert diese offene Blende in Kombination mit manuellem Fokus etwas Übung. Für die Feinjustierung empfiehlt es sich, den Fokus nicht mehr über den Ring zu verändern, sondern sich minimal vor- oder zurückzulehnen. Und nicht vergessen: Auch Leica M Kameras verfügen über einen Serienbildmodus. Gerade in dynamischen Situationen kann es helfen, mehrere Aufnahmen in kurzer Folge zu machen, um den perfekten Schärfepunkt zu treffen.
Du liest es aus meinen euphorischen Zeilen. Wenn das Noctilux im Bereich deiner Möglichkeiten liegt, schau es dir unbedingt einmal an. Du kannst mich für eine individuelle Beratung für Produkte aus der Leica Welt buchen und mein Noctilux ausprobieren oder viele andere spannende Produkte aus dem grossen Portfolio von Leica.
Übrigens nutze ich das Noctilux aktuell am liebsten an meiner Leica M EV1 oder meiner SL3 Reporter. Ich gestehe, dass der elektronische Sucher mit Fokuslupe und Kantenabhebung viel Freude beim Fokussieren mit Blende 1.2 bereitet. Auch wenn ich sehr gerne mit dem Messsucher arbeite, liebe ich die digitale Bildkontrolle im Sucher.


























