In vielen Bereichen steht der Begriff „die Extrameile gehen“ sinnbildlich für besonderen Einsatz und das bewusste Verlassen der Komfortzone, um ein besseres Ergebnis zu erzielen. Eine Meile entspricht rund 1.600 Metern. Eine Ganz schön lange Strecke, die sich in der Fotografie auf ganz unterschiedliche Weise zeigen kann. Manchmal sind es Höhenmeter, manchmal etliche Stunden in Lightroom oder einfach die Entscheidung, das Stativ doch noch einzupacken. Gerade in der Fotografie ist das Konzept der Extrameile für mich ein Schlüssel zu besonderen Bildern. Natürlich gibt es grossartige Zufallsmomente. Doch wirklich eindrucksvolle Fotos entstehen oft nicht im Vorbeigehen. Sie entstehen, wenn wir mehr tun als nötig wäre. Sei es körperlich, zeitlich, emotional oder gedanklich.

Vier Arten von Extrameilen in der Fotografie

1. Distanz: Weiter gehen, höher steigen oder mehr tragen

Die Extrameile im physischen Sinn bedeutet, noch einen anstrengenden Hügel weiterzulaufen, eine steile Klippe zu erklimmen oder sich einen Weg durch unwegsames Gelände zu bahnen. Diese Art von Einsatz ist oft anstrengend, doch sie eröffnet im wahrsten Sinne des Wortes neue Perspektiven. 

2. Zeit: Ausharren, aufstehen, wiederkommen

Geduld zahlt sich aus. Gute Lichtstimmungen und besondere Momente halten sich nicht an fixe Zeitpläne. Sie entstehen, wenn man bereit ist, ihnen Raum zu geben. Wer früh aufsteht oder länger an einer Szene verweilt, erhöht die Chance auf das eine, besondere Bild. Oft ist es genau die Entscheidung, noch ein wenig zu bleiben, die den Unterschied macht. Spricht man mit erfahrenen Tierfotografen wie Levi, wird schnell klar: Geduld und Ausdauer zählen zu ihren wichtigsten Erfolgsfaktoren. 

3. Planung: Recherchieren, vordenken, vorbereiten

Gute Vorbereitung bleibt oft unsichtbar, macht aber den entscheidenden Unterschied. Wer Standorte mit Google Maps prüft, sich den Sonnenstand notiert, vorherige Arbeiten zur Inspiration nutzt oder Genehmigungen einholt, schafft die Grundlage für reibungslose und erfolgreiche Shootings. 

4. Emotionen: sich Überwinden, zusammenreissen, öffnen

Die vielleicht persönlichste Form der Extrameile erfordert meistens etwas Mut. Es braucht Überwindung Menschen anzusprechen, Emotionen zu zeigen oder sich auf Unbekanntes einzulassen. Doch genau hier entstehen oft die ehrlichsten, nahbarsten und berührendsten Fotos.

Drei persönliche Erlebnisse

Geduld im Dschungel von Sumatra: Zeit investieren

Vor kurzem reiste ich nach Sumatra, um Orangutans in freier Wildbahn zu dokumentieren. Statt der üblichen zwei bis drei Tage planten wir bewusst fünf Tage im Dschungel ein. Eines Tages stiessen wir auf ein Alphamännchen, das sich tief in den Baumkronen versteckte. Um uns herum versammelten sich mehrere Touristengruppen, die hofften, dass sich das Tier zeigen würde. Nach rund einer Stunde gaben die meisten auf. Wir hingegen zogen uns etwas zurück und warteten weiter. Genau das wurde mit stillen Momenten und ausdrucksstarken Bildern belohnt. 

Hoi An bei Sonnenaufgang: Früher aufstehen lohnt sich 

Hoi An, das Venedig Vietnams, ist tagsüber meist überfüllt. Wer jedoch bereit ist, vor Sonnenaufgang aufzustehen, begegnet einer ganz anderen Welt. Ich bin wirklich kein Frühaufsteher, aber es gibt Momente, in denen ich die Extrameile im Pyjama und einer Menge Kaffee angehen muss. Leere malerische Gassen, Einheimische beim Markttreiben und sanftes Licht auf alten Fassaden. Diese Ruhe und Echtheit sind es wert, den Wecker immer wieder aufs Neue zu stellen. 

Fremde ansprechen: Emotionen überwinden 

Die Portraitfotografie hat mich schon immer fasziniert. Doch so oft wie ich schöne Gesichter gesehen habe, habe ich auch gezögert. Es braucht Überwindung, einen Menschen auf der Strasse anzusprechen. Doch mit einem offenen Lächeln und ehrlichem Interesse klappt es meist erstaunlich gut. Mit jedem Schritt aus der Komfortzone wurde es einfacher. Wer dazu mehr erfahren möchte kann sich Tipp Nummer zwei genauer durchlesen.

Fazit: Warum es sich lohnt

Die besten Bilder entstehen für mich meist genau dann, wenn ich mich anstrengen musste. Wenn ich länger gewartet, früher begonnen oder mich selbst überwunden habe. Ich bin überzeugt, dass hinter den meisten hervorragenden Bildern eine Form von Extrameile steckt. Und es muss nicht immer gleich die ganze Strecke sein. Wie beim Marathontraining reicht es manchmal auch aus, zuerst ein paar zusätzliche Meter zu gehen. Wichtig ist das Bewusstsein. Wenn du merkst, dass sich in dir etwas gegen den Aufwand oder die Anstrengung sträubt, dann ist das oft genau das Zeichen, dass ein starkes Bild in Reichweite ist.