
Sven Germann gehört zu den Fotografen, die nicht nur mit Technik umgehen können, sondern auch mit Menschen. Seine Arbeiten sind emotional, nahbar und visuell präzise, ob bei Portraits von Schauspielern, aufwendigen Editorial-Produktionen oder Langzeitprojekten wie seiner vierjährigen Dokumentation eines Ferrari-Restaurierungsprozesses.
Sven Germanns Equipment
Seit 2022 ist Sven Germann Sony Imaging Ambassador und hat kürzlich die Sony Alpha 1 II in sein Setup integriert. In diesem Interview spricht er offen über seine ersten Eindrücke, Lieblingsfunktionen und darüber, warum die Kamera für ihn ein ideales Werkzeug für echte Begegnungen ist.
10 Fragen zur Sony Alpha 1 II
1. Du hast die Sony Alpha 1 II jetzt seit 3 Monaten im Einsatz. Was waren deine ersten Eindrücke? Hast du sofort gemerkt, dass sie ein würdiger Nachfolger ist, oder gab es Überraschungen?
Nun bin ich seit 2022 Ambassador bei Sony, und wie so oft, war es ein Erlebnis zu sehen, wie all unsere Inputs, Wünsche und Bedürfnisse in die neue Kamera eingeflossen sind und Sony alles daran gesetzt hat, um unseren Ansprüchen gerecht zu werden. Und ja, ich war überrascht…..davon, dass die Alpha 1 II nochmals einen Schritt nach vorne machen konnte, um uns Fotograf*innen noch mehr Freiheit und Qualität zu ermöglichen.
2. Die Alpha 1 II fühlt sich ergonomisch verbessert an und liegt nach langen Shooting-Tagen angenehmer in der Hand. Welche Veränderungen haben das Handling für dich spürbar verbessert?
Bei meinen Shoots bin ich immer in Bewegung, auf der Suche nach dem besten Ausschnitt, dem einzigartigen Moment. Das grenzt schon fast an ein Workout ;)) Und mit dem neuen Gehäuse und dem grösseren Griff fällt es mir leicht, den ganzen Tag auf der Suche zu sein.
3. Du nutzt hauptsächlich den hochauflösenden elektronischen Sucher der Alpha 1 II, der eine bessere Abdichtung durch die neue Suchermuschel bietet. Welche Verbesserungen sind dir hier besonders aufgefallen, und wie wirkt sich das auf deine Arbeitsweise aus?
Bei meinen Arbeiten sind Nuancen in der Belichtung, feine Konturen, Lichtreflexe oder dezente Schattenzeichnungen extrem wichtig, und oft am Limit. Da ist es für mich essenziell, das Bild im Sucher, mit hoher Auflösung und ohne Fremdlicht Einfluss beurteilen zu können. Die hohe Auflösung des Viewfinders, in Kombination mit der grösseren Suchermuschel, ist dabei enorm hilfreich und en Plus, viel angenehmer für die Augen.
4. Der Autofokus der Alpha 1 II ist noch schneller und präziser als beim Vormodell. Du arbeitest viel in Bewegung – hat dich der Autofokus in bestimmten Situationen besonders beeindruckt?
Letztes Wochenende habe ich einen Music Clip für eine Elektronik Band realisiert. Wir waren in einem Bunker….mit schummrigem, rotem Licht. Die beiden Jungs waren immer in Bewegung, der Sound, der Vibe…..es war für mich eine Offenbarung, auf dem Display zu sehen wie der KI basierte AF sich den Weg durch die extremen Lichtverhältnisse präzise auf das ausgewählte Objekt gebahnt hat, und mir die Freiheit ermöglichte, mich auf den Ausschnitt und das Framing zu konzentrieren.
5. Die Alpha 1 II bietet eine verbesserte Auflösung und ein optimiertes Rauschverhalten. Du hast die Kamera bei einem „Feuerlaufen“-Event auf die Probe gestellt – wie hat sie sich in schwierigen Lichtverhältnissen geschlagen?
Uffff….das war eine Story. Fernab von meinen alltäglichen, kontrollierbaren Shoots. Die Situation war so extrem, mit einem Minimum an Licht, und noch dazu die Menschen in Bewegung. Wirklich eine Grenzerfahrung. Die Bilder haben wir printen lassen und das Ergebnis war fantastisch. Ich glaube, das wäre vor zwei Jahren noch nicht so realisierbar gewesen.
6. Die Kamera lässt sich durch individuell belegbare Tasten perfekt auf den eigenen Workflow abstimmen. Welche Anpassungen hast du vorgenommen, um die Sony Alpha 1 II optimal für deine Arbeit einzurichten?
Als ich vor 3 Jahren konstant begonnen habe mit Sony zu fotografieren, habe ich mich anfangs mit der Menuführung etwas schwer getan. Doch allmählich konnte ich die Tools durchschauen und für mich nutzen. So habe ich z.B. Fokus Optionen auf der Taste C2 oder eigene Kurzwahl Features im Menu. Auf diese Weise kann ich während einem agilen Shoot entspannt und schnell auf die Situation reagieren und meine eingespielten Anpassungen vornehmen. Die Kamera ist enorm individuell auf die persönlichen Ansprüche anpassbar.
7. Keine Kamera ist perfekt – du hast erwähnt, dass dir weiterhin die High-Speed-Sync-Möglichkeiten der Alpha 9 fehlen. In welchen Situationen vermisst du diese Funktion besonders?
Schon lange träume ich von einer Cam, die alle Optionen und Möglichkeiten in sich vereint. Und hey, wir sind mit der Alpha 1 II schon enorm nahe dran. Wenn jetzt noch der Global Shutter der A9 III dazu kommt, fehlt nicht mehr viel, bis zur ultimativen Kamera „der eierlegenden Wollmilchsau“.
8. Du arbeitest sowohl in inszenierten Studio-Setups mit Blitz als auch in spontanen Outdoor-Situationen. Wie schlägt sich die A1 II in diesen beiden unterschiedlichen Szenarien?
Das ist das Schöne an der Sony Alpha 1 II, sie ist beiden Situationen unschlagbar, sei es mit extremen Verläufen auf einem Ferrari «La Ferrari», in den Hautönen eines Schauspielers, oder in den extremen Lichtsituationen der Hirten in Georgien. Das ist, was ich an dieser Kamera so mag. Sofern man weiss, wie man sie nutzen kann, bringt sie unglaubliche Ergebnisse.
9. Wenn du Fotograf*innen, die mit der Alpha 1 II liebäugeln, einen Rat geben würdest – für wen ist diese Kamera die richtige Wahl?
Für alle Fotografinnen und Fotografen, die sich nicht einschränken und ihrer Kreativität freien Raum lassen möchten. Sie bietet den Playground, um zu kreieren.
10. Technik muss für dich funktionieren, damit du dich auf das Bild und die Menschen einlassen kannst. Wie schafft es die Sony Alpha 1 II, dir diesen kreativen Freiraum zu geben?
Da ich ehrlich gesagt nicht so der Technik Freak bin, sondern mich lieber auf das Zwischenmenschliche, den Moment, den Augenblick einlasse, um den Menschen und den Augenblick vor der Kamera wahr zu nehmen, ist es für mich umso wichtiger zu wissen, dass ich mit der Alpha 1 II eine Kamera in der Hand halte, die mir die Sicherheit gibt, dass qualitativ alles perfekt sitzt. Nur so komme ich an die Momente heran, um den einzigartigen Moment festhalten zu können.
Persönliche Fragen an Sven
1. Du hast vor 25 Jahren als Assistent bei Marco Grob begonnen. Wie hat dich diese Zeit geprägt, und welche Lektionen begleiten dich noch heute?
Marco hat mir vieles über Fotografie beigebracht, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Das war eine Zeit der analogen, grossen Fotografen, welche mich noch immer inspirieren. Sei es Watson, Avedon, Lindberghund und viele mehr…..ich mag die alten Meister, welche mit einfachen Mitteln so grossartige, zeitlose Werke geschaffen haben und mit ihrem visionären Geist die Fotografie von heute geprägt haben.
2. Deine Leidenschaft für die Portraitfotografie begann mit Blitz und inszenierten Sets. Warum fasziniert dich diese Art der Fotografie und wie schaffst du es, in die tieferen Persönlichkeitsschichten deiner Motive einzutauchen?
Das Portrait ist für mich noch immer die Königsdisziplin und beinhaltet so viele Aspekte. Der Anspruch, in einem minimalen Setting aus Hintergrund, Licht, Schatten und dem Menschen im Fokus ein starkes Bild zu schaffen, welches in die Tiefe geht und im besten Falle die Persönlichkeit der Person wieder gibt, ohne Special Effects, ohne Verzerrung. Wenn mir das gelingt, im Zusammenspiel mit der Person vor der Kamera und ich den Raum schaffen kann, damit ich einen kurzen, einzigartigen Blick in seinem Leben einfangen kann, ist das so kraftvoll. Ein tiefer, ruhiger Augenblick, im sonst so hektischen Leben. Dafür bin ich dankbar.
3. Du gibst seit 15 Jahren Workshops, weil viele Fotografinnen und Fotografen aktiv danach gefragt haben. Was motiviert dich am meisten daran, dein Wissen weiterzugeben, und was bedeutet der Austausch mit anderen Kreativen für dich?
Jeder Mensch sieht die Welt auf seine ganz eigene Art. Mich fasziniert, dass ich den Teilnehmenden zeigen kann, wie ich ein Licht aufbaue, die Szene inszeniere, die Schatten kontrolliere…..welche Einstellungen ich an meiner Kamera mache. Und doch sind die Ergebnisse immer wieder komplett anders. Jeder interpretiert das Bild auf seine ganz individuelle Weise. Danach zu hören, was die Menschen bewegt, welche Erfahrungen sie erlebt haben und einen kleinen Einblick zu erhalten, wie individuell sie die Welt wahrnehmen, fasziniert mich.
4. Dein Ferrari-Projekt war eine vierjährige Langzeitdokumentation, aus der das Buch „Ferrari 330GT – From Scratch“ entstanden ist. Was war die grösste Herausforderung an diesem Projekt und was hat dich daran so gereizt?
Das Handwerk fasziniert mich enorm. Der 330GT war ein Wrack. Doch es gab Menschen, die in dem Fahrzeug aus dem Jahre 1963 die Schönheit gesehen haben und den Wert, es für kommende Generationen wieder zu beleben. In der heutigen Zeit, wo die meisten Autos nur eine kurze Lebensdauer haben, ist es umso wertvoller, solch einzigartige Ikonen am Leben zu behalten, als Zeitzeugen von Design und Wertigkeit. Die Motorenteile wurden auf Maschinen aus längst vergangener Zeit hergestellt und revidiert, aus aller Welt zusammen gesucht und von Experten zusammengebaut und zum Leben erweckt. Das hat mich fasziniert.
5. Du hast in Portugal ein mobiles Studio auf einem Dorfplatz aufgebaut und einfach Menschen auf der Strasse angesprochen und fotografiert. Was war die Idee dahinter, und wie hat dieses Experiment deine Sicht auf Portraits verändert?
Das ist für mich Portrait Fotografie in Reinform. Keine störenden Konzepte, keine Anforderungen an Layout, Zeit oder Budget. Das Einzige was zählt, ist der Mensch vor der Kamera und seine persönliche Geschichte. Es war kein Experiment, sondern viel mehr eine wertvolle Erfahrung. Zu sehen, wie sich fremde Menschen öffnen und ihre persönliche Geschichte mit mir teilen, war eine berührende Erfahrung.
6. In einer Zeit, in der Kameras immer perfekter werden, möchtest du dich bewusst mit Unschärfe und technischen Imperfektionen auseinandersetzen. Warum fasziniert dich dieses Konzept und wie setzt du es in deiner Arbeit um?
Oft arbeite ich sehr präzise, und plane Vieles im Voraus, doch habe ich den Reiz des perfekt Imperfekten neu kennen gelernt. In Zeiten von perfekten, oft auch sterilen Bildern, welche über KI generiert werden können, reizt es mich immer mehr, mit Unperfektheit den Bildern Leben einzuhauchen, in der Hoffnung, dass es die Betrachtenden berührt.
7. Du hast mit Partnern eine Produktionsfirma gegründet, die sich auf Dokumentationen konzentriert. Warum dieser Schritt und warum ist es dir wichtig, multimedial mit Foto, Video und Ton zu arbeiten?
Damit ich eine Dimension mehr habe, um zu kreieren. Das Bild zeigt einen einzelnen Moment und sollte in diesem kleinen Augenblick alle Emotionen enthalten. Das bewegte Bild, in Kombination mit Geräuschen, Musik oder Sprache lässt einen sehr viel grösseren Spielraum zu, um Geschichten zu erzählen. Mit allen Nuancen. Es ermöglicht mir, Themen welche mich faszinieren, aufzugreifen und sie in einer Geschichte den Zuschauern zugänglich zu machen. So komme ich an Orte, in Kontakt mit Menschen und Themen, die mir ansonsten nicht zugänglich wären.
8. KI verändert die kreative Landschaft und polarisiert in der Fotografie. Du hast gesagt, dass die Auseinandersetzung damit unumgänglich ist. Wo siehst du Chancen und Herausforderungen und was ist dein persönlicher Standpunkt?
KI wird, so denke ich, aus unserem Leben nicht mehr weg zu denken sein. Wir müssen damit leben und unseren persönlichen Weg damit finden. Für mich ist es Fluch, wie auch Segen. Vielen, oft mühsamen Arbeiten, wie z.B. in der Retusche, werden durch KI Tools enorm erleichtert. Auch Layoutarbeiten, oder Research, gebe ich gerne an die KI ab. Wovon ich jedoch überzeugt bin ist, dass KI zwar «tolle» Bilder generieren kann, jedoch nie in der Lage sein wird, das Wesen, und die Emotion eines Menschen in einem Bild wieder zu geben. Und darin sehe ich unser Potential in der Fotografie.































