»Silent Disco« besteht aus drei je 15-minütigen filmischen Episoden, die Virtual Reality als Medium für eine emotionale und körperlich erfahrbare Erzählweise nutzen. Im ersten Filmteil betreten wir einen Fahrstuhl, mit dem wir – nachdem eine Rave-Crew zusteigt – immer schneller Richtung Hölle stürzen. Mit den obskuren Berliner Partygästen tanzen wir zu Technobeats wie im Rausch in die sich nähernde Unterwelt. Im zweiten Setting werden wir selbst zum Objekt der Begierde: Die Perspektive wechselt auf die Bühne eines Stripclubs, in dem die Gäste Masken tragen – und im Spiegel suchen wir das eigene Spiegelbild vergebens – stattdessen erscheint eine surreale Tänzerin mittleren Alters, die an der Stange tanzt. Im dritten, monochrom gehaltenen Film steht ein einzelnes Klavier in einem pechschwarzen Raum. Nachdem der Charon uns das Licht entzündet, beginnt das Klavier von selbst zu spielen. Skelette tanzen einen volkstümlichen Totentanz zu der amerikanischen Bluegrass-Musik zweier Musiker und laden uns ein, mitzutanzen.

Johannes Schmülling war als Director of Photography für die Bildgestaltung verantwortlich. Der in Deutschland lebende Kameramann hat sich auf Spielfilm, Werbung und immersive Formate spezialisiert. Geboren 1995 in der Nähe von Köln, erhielt er erste Engagements beim Film und machte einen Stopp bei der Deutschen Welle, bevor er 2021 sein vierjähriges Filmstudium erfolgreich abschloss. Seitdem ist Schmülling als Director of Photography tätig. 2023 realisierte er gemeinsam mit Regisseur Fabio Thieme und einem 60-köpfigen Team die VR-Experience »Silent Disco«. Wir haben den DoP zum Interview getroffen.

Foto Video Zumstein: Wie kam es dazu, dass du dich neben Spielfilm und Werbung auch auf Immersive spezialisiert hast?

Johannes Schmülling: Regel Nummer eins beim Film lautet: Im Zweifel sagen »Kann ich!« – und dann alles daransetzen, dass diese Aussage am Ende stimmt. Genau so lief es direkt nach dem Abschluss meines Filmstudiums in 2021. Ein Unternehmen für Virtual-Reality-Content engagierte mich als DoP für ein gross angelegtes Projekt einer deutschen Bundesbehörde. Damals bin ich mal wieder hart am Wind gesegelt - und entsprechend steil war auch die Lernkurve im Bereich Immersive. Es folgten viele weitere Projekte, sodass ich über einen breiten Erfahrungshorizont verfügte, als die Anfrage zu ‚Silent Disco‘ kam.

Foto Video Zumstein: Wie kam es dann zu der Zusammenarbeit zwischen dir und Regisseur Fabio Thieme für »Silent Disco«?

Johannes Schmülling: Ein befreundeter Steadicam-Operator hat mir erzählt, dass Fabio einen DoP mit Erfahrung im Immersive-Bereich sucht. Also habe ich ihn kurzerhand angerufen. Fabio hatte zu dem Zeitpunkt bereits mehrere Kameraleute angefragt. Er habe sich schlussendlich unter anderem für mich entschieden, da ich so kritisch gewesen sei. Dass mir diese Charaktereigenschaft zu etwas Positivem verhilft, habe ich gefeiert!

Foto Video Zumstein: Wie verlief die Vorproduktion?

Johannes Schmülling: Fabio trug die Idee zu »Silent Disco« schon lange in sich – eine Verbindung aus Performance, Theater, Film und erfahrbaren Ekstasezuständen. Das immersive Erleben macht die Zuschauenden selbst zum Teil der Performance: Viele tanzen beim Betrachten mit, was eine weitere Ebene eröffnet. Diese kollektive Vereinzelung wirkt gleichzeitig surreal und melancholisch.
Als die Aventis Foundation das Projekt förderte, fiel der Startschuss. Ich war früh an Bord, wir diskutierten Inhalte, scouteten Locations und schlossen erste Deals. Fabio konnte Perrti Hagelstein als Szenenbildner gewinnen. Der Tonmeister verirrte sich auf dem Weg ins Kino in Fabios Strasse, wodurch sich beide kennenlernten. Auch das Casting verlief bewusst unkonventionell – wir wollten einen möglichst heterogenen Cast.

Foto Video Zumstein: Wie war dann der Dreh?

Johannes Schmülling: Sehr ereignisreich und intensiv. Visuell war von Anfang an klar, dass für die Extasezustände eine Körperlichkeit und räumliche Nahbarkeit nötig ist. Dafür habe ich ein spezielles Rig entworfen, das stereoskopische und monoskopische Aufnahmen kombiniert aufnehmen kann. Zusammen haben wir das Staging optimiert, damit der Stereoeffekt voll zur Geltung kommen kann.
Eine weitere Herausforderung war das Lichtkonzept, da bei VR die Bildgrenzen entfallen und es damit herausfordernder machen. Das Licht muss entweder als Available Light, Practical, in Szenen versteckt oder nachträglich retuschiert werden. Hierbei habe ich mich eng mit Szenenbild und Ausstattung abgestimmt. Bei den komplexen Lightshows hatte ich zwar klare innerliche Vorstellungen, musste jedoch erstmal herausfinden, wie man Rhythmus, Lichtfarben, Intensitäten und Bewegungen sinnvoll in Sprache übersetzen kann, damit die Lichtcrew dies umsetzen kann und ihre eigenen Ideen beisteuern kann.
Mit Perrti konnte ich mich vorab über den 3x4 Meter grossen Aufzug, den er uns ins Studio gebaut hat, über den Lichteinfall und die Texturen abstimmen. Kameraassistentin Teresa Maráková hat schnell verstanden, wie sie das VR Rig sehr präzise kalibrieren und fokussieren kann. Oberbeleuchter Jakob Schleiter und Best Girl Helena Köppen haben gemeinsam mit den Bord Operators auch unter strengen Sicherheitsauflagen kreative Freiräume ermöglicht. Der Tonmeister István Hollós hat zahlreiche Ambisonics und Lavaliermikrofone im Set und an Darstellern angebracht, um eine Mischung in 3rd order Ambisonics zu ermöglichen. 
Der Produktionszeitraum umfasste drei Drehtage, einen Vorleuchttag und Vor- und Rückladetage. Insgesamt hat das gesamte Team mit seinem Drive und seiner Hingabe entscheidend dazu beigetragen, dass »Silent Disco« Realität werden konnte. Es war der Nährboden dafür, dass am Set nochmal viele Dinge entstehen konnten.

Foto Video Zumstein: Was hat Dich an diesem Projekt besonders begeistert?

Johannes Schmülling: Ich finde es immer besonders reizvoll, wenn man sich mit einem Projekt auf eine Reise begibt, ohne genau zu wissen, wohin sie führt. »Silent Disco« war genau so ein Fall – ein Projekt mit offenem Ausgang. Ausserdem hat mich das Thema der Ekstase vor dem Hintergrund der eigenen Vergänglichkeit sehr angesprochen – einen Zustand, bei der die Grenze zwischen emotionaler Reizüberflutung und etwas Übersinnlichem sehr schmal verläuft.
Mein Anspruch ist es nicht, ein Projekt zu schaffen, das allen gefällt. Es geht mir eher darum, etwas zu kreieren, das in der Fantasie der Zuschauenden weiterlebt. Inwiefern dies gelungen ist, wird wohl die Reaktion des Publikums zeigen. Rückblickend haben solche Projekte manchmal etwas sehr Besonderes, das sich nicht klar in Worte fassen lässt. Eine Energie, die entsteht, wenn viele Menschen ihrer Leidenschaft nachgehen und die man nicht beschreiben, sondern nur fühlen kann. Schlussendlich bin ich dankbar, Teil davon gewesen sein zu dürfen.

Foto Video Zumstein: Wie findest du das Projekt rückblickend?

Johannes Schmülling: Zum Glück ist dies keine Aufgabe, die in meinen Bereich fällt. Für die Rezeption und die Einordnung des Projekts sind nun andere zuständig. Wenn ich ‚Silent Disco‘ schaue, gibt es immer diesen Moment, an dem man sich der Illusion hingibt – und dann fühlt man sich wieder wie am Set. Andere fühlen sich sicherlich ganz anders und genau das finde ich schön: Dass man ab einem gewissen Punkt das Zepter weitergibt und das Projekt loslassen muss.

Foto Video Zumstein: Warum hast du dich für das Canon Dual Fisheye in Verbindung mit der Canon R5C entschieden?

Johannes Schmülling: Für frühere Produktionen habe ich häufig mit der Insta360 Titan gearbeitet – das war für die damaligen, actionreichen Projekte auf der Steadicam die passende Wahl. Allerdings musste man bei ihr aufgrund der technischen Beschaffenheit stets mindestens 1,5 Meter Abstand um Subjekt einhalten, um grössere Stitching-Artefakte zu vermeiden. Zum Zeitpunkt von »Silent Disco« war ich bereits mit Canon im Austausch und so wurde mir ermöglicht, mehrere Tests mit dem Canon System durchzuführen. Kurz vor Drehbeginn wurden wir dann sehr unkompliziert mit Canon Equipment unterstützt. 
Das Besondere am Canon-System ist, dass es eine perfekte Stereoskopie auch im Nahbereich von bis zu 20 cm erlaubt – das war für unsere immersive Erzählweise entscheidend. Canon Kameras gelten zudem als sehr zuverlässig, was eine absolute Grundvoraussetzung für jedes Set ist. Die 8K Auflösung bei 50fps in Canon-RAW war super – denn bei Immersive gilt: Mehr ist mehr. Da wir in einem sehr kontrollierten Setting gedreht haben, konnte ich das Licht exakt auf die Kamera abstimmen und so die bestmögliche Bildqualität herausholen.

Foto Video Zumstein: Was hast du aus dem Projekt mitgenommen?

Johannes Schmülling: Unglaublich viele wertvolle Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen, einen herausfordernden, aber am Ende sehr erfolgreichen Dreh – und vor allem viele neue Erfahrungswerte. »Silent Disco« hat mich sowohl künstlerisch wachsen lassen als auch gezeigt, wie wichtig Vertrauen, Kommunikation und Offenheit im Team sind. Es war eines dieser Projekte, auf das man eines Tages zurückblicken wird und sich denkt: Was war das für eine geile Zeit?

Foto Video Zumstein: Wie geht es nun mit Silent Disco weiter?

Johannes Schmülling: Wie auf YouTube zu sehen, hatten wir bereits eine kleine Vorpremiere mit rund 200 Gästen und 28 parallelen Betrachtungsmöglichkeiten in Berlin. Zudem konnten wir einen Sneak Peek von »Silent Disco« im Rahmen eines exklusiven Canon-Events in der Schweiz zeigen.
Ein mittelgrosses, deutsches Festival hatte uns bereits eingeladen, aber zu dem Zeitpunkt war es noch zu früh, die Premiere zu feiern, da noch Rückmeldungen von internationalen Festivals ausstehen und der Premierenstatus dafür als sehr wichtig gilt. Vor ein paar Tagen war ich mit Fabio drei Tage in Paris, wo »Silent Disco« vom ‚NewImages‘ Festival in der Sektion Distribution Market ausgewählt wurde. Dort hatten wir einen guten Austausch mit Kurator:innen, Festivalleitungen und internationalen Distributionspartner:innen.

Das Schöne an unserer Experience ist, dass sie sich flexibel skalieren lässt. Und da im Bereich XR – anders als im klassischen Kino – noch viele neue Wege beschritten werden, sind wir selbst sehr gespannt, wohin uns das Projekt führen wird. Vorerst streben wir eine internationale Festivalauswertung an. Danach sind Präsentationen in Venues, Museen oder auch eine Clubtour denkbar. Wir bleiben offen und neugierig.

Foto Video Zumstein: Vielen Dank, dass du dir für das Interview Zeit genommen hast. Wir wünschen dir und Silent Disco viel Erfolg!

  • Johannes Schmülling

     

    Johannes Schmülling ist Director of Photography / Kameramann aus Köln, dessen Spezialisierung auf Spielfilmen, Werbung und Virtual Reality liegt. 

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