
Was hatte ich vor der GFX100RF mit dem GFX-System zu tun?
Im Oktober 2021 nahm ich an der GFX-Experience von Fujifilm teil. Das war ein spannender Tag rund um das GFX-System im Wallis. Mit dabei war Jens Krauer, der sein Wissen über Street-Fotografie und die neue GFX 100S weitergab. Ich habe meine GFX 100S damals direkt gekauft und fortan fast alle Aufträge mit dieser Kamera fotografiert. Familienfotoshootings, Teamportraits, Events, Hochzeiten – mit 3 Bildern in der Sekunde und RAWs über 100 Megabyte.
Mir gefiel einfach alles an dieser Kamera. Die RAW-Bilder hatten ein riesiges Bearbeitungspotenzial, ich konnte über die Jahre hinweg meine fotografischen Stile ausleben und die RAWs der GFX 100S haben alles mitgemacht. Hohe ISO-Einstellungen waren egal, die Körnung von Fujifilm GFX RAWs ist wunderschön organisch und meine Kunden mögen diesen leichten Vintage-Touch.
Ende 2023 habe ich auf die schnellere GFX 100 II gewechselt. Ich denke, ich habe pro Jahr knapp an die 100'000 Bilder mit GFX-Kameras geschossen. Viel wichtiger ist aber das Glas. Das GF110 f/2 war fix montiert. Es hätte mich tatsächlich nicht gestört, wenn man das 85mm-äquivalente Objektiv nicht mehr vom Bajonett hätte lösen können.
Wenn man einen 100 Megapixel Sensor mit einem 85mm Objektiv kombiniert, dann kann man das allseits zurecht geliebte 70-200mm Tele-Zoom zu Hause lassen. Blende 2 auf Mittelformat entspricht der Freistellungs-Charakteristik von f/1.6. Es kommt nicht mehr Licht rein, aber durch den grösseren Sensor ergibt sich eine stärkere Freistellung. Zudem beträgt der Crop-Faktor der Brennweite 0,79.
Welchen Zweck erfüllt die GFX100RF?
Kommen wir als erstes zu den Spezifikationen, welche die Kamera mit sich bringt:
- 735 Gramm- Festverbautes 35mm Objektiv, äquivalent zu 28mm Vollformat
- 102-Megapixel-Sensor
- Naheinstellgrenze nur 20 Zentimeter
- KI-basierter Autofokus
- Integrierter ND-Filter
- 4K Video mit 30 Bildern im F-Log2-Modus
- Erweiterte, haptische Einstellräder
Wer bereits mit einer Fujifilm X100-Serie Kamera fotografiert hat, fühlt sich beim Griff zur GFX100RF direkt wohl. Die Kamera liegt super in der Hand. Sie ist grösser als die X100, aber sie schmiegt sich beinahe in die Hand. Sicher auch wegen des überraschend leichten Gewichts. Das Objektiv ist kaum spürbar. Haptisch macht die Kamera sehr viel her. Hochwertig, robust. Man will direkt mit der Kamera losziehen. Die Finger wissen, wo die Rädchen sind. Oder die Rädchen wurden genau dort platziert, wo die Finger sie suchen würden.
Es gibt nebst dem bekannten Kombinationsrad für Verschlusszeit und ISO ein Belichtungskorrekturrad und zwei zusätzliche Wippen für den rechten Zeigefinger, unterhalb und neben dem Zeigefingerdrehrad. Auf der Rückseite gibt es für den Daumen ein zusätzliches Drehrad, um schnell zwischen digitalen Zuschnitten zu wechseln. Alle Rädchen und Wippen fühlen sich sehr gut an. Nichts wackelt, sie sitzen perfekt im Gehäuse und es macht Spass, die Einstellungen der Kamera damit anzupassen.
Fast etwas unglaubwürdig schiesst man die ersten Bilder mit der GFX100RF. Das sind 100 Megapixel Bilder? In diesem Body ist ein Mittelformatsensor? Schliesslich lässt sich das Objektiv nicht entfernen. Ein Blick auf den Sensor bleibt einem also verwehrt. Aber die Kamera fühlt sich für einen so grossen Sensor einfach sehr kompakt an. Das ist sehr eindrücklich.
Welchen Zweck erfüllt die GFX100RF nicht?
Die ersten Fotos mit der GFX 100RF schiesse ich bei Foto Zumstein im Laden. Die ISO-Zahlen sind konstant über 5000. Ich bin etwas verwirrt und dann schaue ich mir das 35 Millimeter Objektiv mit Blende 4 genau an. Als Berufsfotograf mit Fokus auf Anlässe und Menschen gehören Objektive mit olener Blende zum Inventar. Gerade im Bereich um 35 Millimeter gibt es mit Blende 4 und mehr nur begrenzte Freistellungsmöglichkeiten. Und in der Regel mögen wir Bilder, auf denen ein Objekt im Fokus ist. Oder philosophisch gesagt mögen wir vermutlich die Ruhe, die eine gewisse Freistellung in ein Bild bringt. Wir alle kennen Portraits vom Smartphone, ohne KI-generierte Unschärfe. Und diemeisten würden wohl ein Portrait bevorzugen, auf welchem sich ein Kopf etwas vom Hintergrund abhebt. Aber ist die GFX 100RF eine Portraitkamera? Vergleiche ich hier nicht Äpfel mit Birnen?
Ich fuhr mit der Kamera nach Hause und machte einen Spaziergang. Die Kamera lag die ganze Fahrt über auf dem Beifahrersitz und lächelte mich an. Diese schöne Form, das Silber, diese klassischen Rädchen und Wippen sahen in echt noch besser aus als auf Fotos. Ich musste noch etwas fotografieren. Ich musste meine aufkommende Skepsis sofort beenden. Mag ich 28 Millimeter nicht oder mag ich keine Bilder mit etwas mehr Tiefenschärfe. Und siehe da, natürlich kann ich mit Blende 4 Tiefenschärfe provozieren und so ein 100 Megapixel Sensor hat seine klaren Vorteile. Ohne, dass die GFX 100RF einen dedizierten Makro-Modus bietet, ist die schiere Auflösung mit der eindrücklich scharfen 35 Millimeter Objektiv schon als eine Art Makrofähigkeit anzusehen. Dabei fällt auf, wie handlich die Kamera ist. Die Kombination aus geringem Gewicht und Grösse lässt mich immer wieder vergessen, dass ich eine GFX in der Hand habe.
Über die kommenden Wochen nutze ich die GFX 100RF für unterschiedliche Einsätze. Von privaten Ausflügen, zuhause, für kleinere Jobs, für dokumentarische Bilder für Social-Media und auch als Weitwinkelkamera bei Aufträgen. Bei Events habe ich in der Regel eine Kamera mit einem 85 Millimeter Objektiv an einer Gurtschnalle rechts. Das kann auch mal ein Tele Zoom mit durchgängiger Blende 2 oder 2.8 sein. An der linken Gurtschnalle hängt meistens etwas um 28 Millimeter bei mir. Das sind meine Brennweiten, mit denen ich am meisten arbeite.
Die GFX 100RF erledigte ihren Job bei Outdoor-Aufnahmen sensationell gut. Die Bilder sind gestochen scharf und bereits mit den beliebten JPG-Filmlooks sehen die Fotos schon super aus. Die Bearbeitungsmöglichkeiten sind schier unbegrenzt, da man auf den Rohbildern einer GFX einfach so viel machen kann. Und doch sind einfach alle Bilder scharf. Durch die nicht sehr olene Blende von f/4 etabliert sich eine durchgängige Schärfe. Selten hebt sich ohne explizite Bildkomposition jemand oder etwas vom Hintergrund ab. Szenen mit Menschen und Natur oder Fahrzeugen sehen super aus, keine Frage, aber den Bildern fehlt es einfach ein wenig an Tiefgang. Die Bilder erinnern mich an einen hochauflösenden Scan eines dreidimensionalen Objektes. Scharf, aber flach.
Fazit
Mir eine Meinung zur GFX100RF zu bilden, hat Wochen gedauert. Sie hat mich tagelang begleitet und sie lag tagelang in der Schublade. Und ich bin zum Schluss gekommen, dass die Kamera spannend, mutig und sehr gut ist. Jedoch bin ich kein 28 Millimeter f/4 Fotograf. Eigentlich wäre das Fazit hier fertig, ich möchte das aber erklären.
Ich habe nun für einige Jahre die GFX 100S und GFX 100 II als meine meistgenutzte Kamera benutzt. Die 100S deckt sich im Body gefühlt über 90% mit der 100RF. Daher liegt mir die Kamera sehr vertraut und komfortabel in der Hand. Das Menü bediene ich im Schlaf, die zusätzlichen Rädchen und Hebel sind hübsch, benutze ich aber kaum. Natürlich ist es super, sich die JPGs direkt zurechtzuschneiden und mit Filmsimulationen zu versehen. Trotzdem speichere ich mir für meine Lightroom-Kataloge immer die Rohdaten. Auch wenn ich meinen Mobile Workflow nutze und die Bilder via Wifi aufs iPhone hole und in Lightroom Mobile bearbeite und synchronisiere.
Ich bin oft unzufrieden mit dem automatischen Weissabgleich, fotografiere aber trotzdem bewusst mit AWB, weil ich weiss, dass ich diese Einstellung später ohne Einschränkungen korrigieren kann. Bei JPG geht das nicht. Zudem brauche ich für mich persönlich keine Kamera, die 16-Bit Rohdaten aufzeichnen kann, wenn ich dann nur die JPGs nutze.
Der Showstopper für mich persönlich ist aber das Objektiv. Ich denke, das hat man in der bisherigen Berichterstattung auch schon ein wenig bemerkt. Ich bin einer der Fotografen, die gerne Freistellung haben. Daher fotografiere ich auch am meisten mit Brennweiten über 50 Millimeter. Da etabliert sich eine gewisse Freistellung auch mit einfachen Kit-Objektiven mit Blende 3.5.
Zudem fotografiere ich privat und beruflich oft in Reportage-ähnlichen Situationen. Ich möchte ästhetische Bilder fotografieren, nutze aber selten bis nie Kunstlicht. Weder Blitze noch Dauerlicht. Daher bin ich auf lichtstarke Objektive angewiesen. Nicht ohne Grund war es ein langer Weg, bis ich mir vor über 12 Jahren mein erstes 70-200 Millimeter Tele-Zoom mit f2.8 leisten konnte.
Die GFX 100RF war eine Challenge für mich. Ich bin doch einige Male losgezogen, um in einem Foto Walk zu verstehen, ob ich durch dieses Objektiv meinen fotografischen Horizont nicht erweitern kann. Ja, das kann ich. Aber wenn ich dann im Café sitze und meinen Cappuccino fotografiere, habe ich schon wieder ISO 5000 und mehr.
Ich habe die GFX 100RF nach rund einem Quartal und einigen grossartigen Bildern umgetauscht und mir bei Foto Zumstein etwas anderes geholt. Ich vermisse die Kamera aber noch heute manchmal, denn ich hatte doch auch meinen Spass mit ihr. Vielleicht ist es für dich die richtige Kamera. Probiere sie am besten mal selbst aus.


































