Herzlich willkommen zu unserer 12. Ausgabe der „Zumi Pro Talk“ Interview-Serie. Mit diesem Format möchten wir Schweizer Fotograf*innen eine Plattform bieten und euch einen spannenden Blick hinter die Kulissen ermöglichen. Heute zu Gast ist die Zürcher Fotografin Ellin Anderegg. Mit ihrem ausdrucksstarken, modernen Bildstil bewegt sie sich souverän zwischen Fashion, Portrait und Kampagnenfotografie. Nach Stationen in Zürich und Paris und ihrer ersten nationalen Kampagne für Metro Boutique gründete sie 2011 ihr eigenes Studio. In ihrer Arbeit verbindet sie kreative Freiheit mit hoher Präzision und einem starken Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Branche. Besonders in freien Projekten nutzt sie den Spielraum für Experimente, neue Bildideen und persönliche Themen wie Heimat, Nachhaltigkeit und Selbstbestimmung.

In diesem Format stellen wir den Fotograf*innen jeweils achtzehn Fragen. 

  • Fünf persönliche Fragen zum/zur Fotograf*in

  • Fünf neugierige Fragen zur Technik und ihrem Equipment

  • Fünf "schnelle" Fragen, die mit einem Satz beantwortet werden können

  • Drei Bonusfragen zum Abschluss

Die Interviews werden jeweils bei uns im Store von Fotograf Denny Waves durchgeführt.

  • Ellin Anderegg ist eine vielseitige Schweizer Fotografin mit einer Handschrift, die von edgy bis stark und mondän reicht. Schon früh faszinierte sie die Möglichkeit, durch Fotografie flüchtige Momente festzuhalten oder eigene Welten zu erschaffen. Heute zählen renommierte Marken wie Bucherer, L’Oréal, La Biosthétique, Edelweiss und Wella zu ihren Kunden. Auch Prominente wie Christa Rigozzi, Stress, Melanie Winiger und Stefanie Heinzmann stehen regelmässig vor ihrer Kamera. Inspiration findet sie auf Reisen, in der Kunst – besonders in den Metropolen Paris und New York.

  • Kurzprofil Ellin Anderegg
    Kamerasystem(e): Nikon Z
    Hauptkamera(s): Nikon Z9
    Lieblingslinse(n): Nikon 24-120mm
    Standort: Zürich

    Website
    Instagram

1. In der Fashionfotografie besteht oft der kreative Widerspruch, Sommerkollektionen im Winter und Winterkollektionen im Sommer zu fotografieren. Wie gehst du mit diesem Spannungsfeld zwischen Jahreszeiten, Licht und Mode um und welche Rolle spielt dabei dein Gefühl für Atmosphäre und Farbe?

Ja, das ist tatsächlich eine sehr grosse Herausforderung für Modefotograf*innen. Es braucht eine ordentliche Portion Kreativität und Improvisation und manchmal auch einfach ein bisschen Photoshop, um dieses Problem zu meistern. Dabei ist es wichtig, dem Kunden ästhetisch überzeugende, aber gleichzeitig dem vorgegebenen Budget entsprechende Lösungen anbieten zu können. Ich bin daher das ganze Jahr über mit offenen Augen unterwegs und merke mir schöne Locations „on the go“. Wenn dann eine Anfrage hereinkommt, habe ich meist schon mehrere Ideen im Kopf. Wie so oft gilt auch hier: Teamwork makes the dream work. Ohne ein grossartiges, kreatives Team im Hintergrund wären solche Shootings gar nicht möglich. Da zaubert mir die Stylistin im Juli auch mal problemlos einen prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum herbei, kein Thema!

2. In einem deiner jüngsten Projekte für die Schweizerische Textilfachschule hast du Abschlussarbeiten fotografiert, die Schweizer Trachten und Traditionen modern interpretieren. Was hat dich an diesem Ansatz fasziniert und siehst du darin vielleicht auch eine visuelle Brücke zwischen deiner internationalen Erfahrung und deinen Schweizer Wurzeln?

Das Shooting für die STF fand Anfang 2024 statt und die Kollektion hat mich sofort inspiriert. Junge Talente bringen oft eine ganz neue Perspektive ans Set, genau das schätze ich an der Zusammenarbeit. Die Art und Weise, wie die Schüler*innen der STF ein vermeintlich „traditionelles“ Thema so frisch und innovativ interpretierten, hat mich begeistert. Schon seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit dem Thema „Heimat“, einer Rückbesinnung auf traditionelles Handwerk, Qualität und alte Geschichten. Die Schweiz hat kulturell viel zu bieten, und ich finde die Idee spannend, diese Schätze auf moderne, zeitgemässe Weise neu zu erzählen. Zudem hat sich mein Fokus mit der Geburt meiner zwei kleinen Kinder etwas verlagert. Statt international zu reisen, erkunde ich nun vermehrt mein näheres Umfeld, also die Schweiz, und entdecke dabei viele neue, inspirierende Orte direkt vor der Haustür.

3. Gemeinsam mit Make up Artist Fabienne Pauli hast du kürzlich ein freies Projekt für das Schön Magazin realisiert. Das Thema war «Golden Hour» und das Endergebnis unterschied sich stark von der ursprünglichen Idee und deinem Moodboard. Wie gehst du generell mit solchen kreativen Prozessen um, wenn sich ein Projekt unterwegs in eine völlig neue Richtung entwickelt?

Mein Credo zu jedem Shooting lautet: Gute Vorbereitung ist der Schlüssel. Gleichzeitig betone ich aber immer, dass man flexibel bleiben und akzeptieren muss, dass sich eine ursprüngliche Idee nicht immer exakt umsetzen lässt. Es ist nicht leicht, sich von einem Konzept zu lösen, an dem man vielleicht schon Wochen oder Monate gefeilt hat. Doch ein Shooting, ein kreativer Prozess generell, ist etwas Fliessendes. Manchmal entwickelt es sich genau in die Richtung, die man geplant hat, und manchmal nimmt es eine komplett unerwartete Wendung. Und das ist völlig in Ordnung so. Bei dem von dir angesprochenen Shooting hatte ich ursprünglich die Idee, mit Blumenbildern eine zweite Ebene zu schaffen und sie mit meinen Modeaufnahmen zu kombinieren. Nach mehreren enttäuschenden Versuchen sass ich schliesslich frustriert am Computer. Also gönnte ich mir eine Pause und blätterte durch verschiedene Magazine, bis mir plötzlich ein Bild einer brennenden Blume ins Auge fiel. Ich tauschte daraufhin die ursprünglichen Blumenmotive aus, kombinierte Feuerbilder mit den Modeaufnahmen, und siehe da: Plötzlich passte alles perfekt zusammen.

4. Du betonst, wie wichtig freie Projekte für dich sind. Was bedeuten dir diese persönlichen Arbeiten und wie helfen sie dir, langfristig Motivation und kreative Neugier aufrechtzuerhalten, gerade in einer Branche, die oft von Auftragsdenken geprägt ist?

Freie, kreative Shootings sind für mich von enormer Bedeutung, sie sind mein persönlicher Raum, um mich kreativ auszutoben und gemeinsam mit meinem Team ein kreatives Chaos anzurichten. Solche Projekte geben mir unglaublich viel Energie und Motivation, und letztlich profitieren auch meine Kund*innen davon. Bei freien Arbeiten kann ich Risiken eingehen, die in Auftragsproduktionen oft keinen Platz haben. Daraus entstehen jedoch immer neue Erkenntnisse und Ideen, die ich später gezielt in Kundenprojekten einbringen kann. Ich arbeite oft nach dem Prinzip trial and error, doch das funktioniert nur in einem freien, experimentellen Umfeld. Sobald ein Kunde mit am Set ist, muss ich liefern. Dann geht es um Qualität, Präzision und Verlässlichkeit, da kann ich nicht einfach sagen: „Ich probiere mal dieses oder jenes Licht, mal schauen, was passiert.“ Genau deswegen sind freie Shootings für mich so wichtig: Sie sind mein kreatives Labor, in dem Neues entstehen darf.

5. Die Modewelt verändert sich rasant, geprägt von Social Media, schnellen Zyklen und Marken wie Shein. Als Fotografin prägst du mit deiner Arbeit auch das visuelle Bild dieser Industrie. Wie gehst du mit dieser Verantwortung um und wie wichtig ist es dir, durch deine Bildsprache eine Haltung zu vermitteln?

Mit unseren Bildern prägen wir Fotograf*innen die Wahrnehmung und Werte, oft ohne zu wissen, wie weit unsere Arbeit tatsächlich reicht und wer sie alles sieht. Deshalb habe ich mir fest vorgenommen, das Wenige, das ich beitragen kann, so konsequent und verantwortungsvoll wie möglich umzusetzen. So habe ich mich beispielsweise schon immer geweigert, echten Pelz oder Exotenleder zu fotografieren, auch wenn das hiess, Aufträge abzulehnen oder Kund*innen zu verärgern. Zum Glück ist das heute kaum noch ein Thema, doch die Modeindustrie steht nach wie vor vor grossen Herausforderungen in Sachen Nachhaltigkeit. Ich versuche, wann immer möglich, kleine, faire und nachhaltige Labels zu unterstützen und zu fördern und privat wie beruflich auf Ultra Fast Fashion Anbieter wie Shein oder Temu zu verzichten. Auch wenn mein Einfluss begrenzt ist, möchte ich mit meiner Arbeit und meinen Entscheidungen einen kleinen, positiven Beitrag leisten.

6. Du arbeitest seit vielen Jahren mit Nikon und nutzt heute die Z9 als Hauptkamera. Zuvor warst du lange mit der D850 unterwegs und bist vergleichsweise spät auf ein spiegelloses System umgestiegen. Gleichzeitig durftest du zu den ersten gehören, die mit der Z9 arbeiten konnten. Was hat dich am Ende überzeugt und gibt es Dinge aus der Spiegelreflexzeit, die du gelegentlich vermisst?

Anfangs war ich der Entwicklung hin zu spiegellosen Kameras gegenüber eher skeptisch. Ich befürchtete, dass es anstrengend werden könnte, den ganzen Tag auf einen „Bildschirm“ zu schauen und ausserdem mochte ich das vertraute Klicken des Spiegels sehr. Klingt vielleicht banal, aber wenn man über Jahre mit einer bestimmten Technologie arbeitet, fällt ein Umstieg nicht leicht. Doch die Z9 hat mich wirklich überzeugt. Ich habe mich erstaunlich schnell an die Vorteile der spiegellosen Technik gewöhnt und besonders das Prinzip „What you see is what you get“ ist unglaublich praktisch und zeitsparend. Nach kurzer Zeit war für mich klar: Zurück möchte ich nicht mehr.

7. Du beschreibst Technik als Mittel zum Zweck und nicht als Selbstzweck. Wie viel technisches Verständnis ist deiner Meinung nach nötig, um die Kamera wirklich als kreatives Werkzeug zu beherrschen und wo ziehst du persönlich die Grenze zwischen Kontrolle und Intuition?

An der Fotografie fasziniert mich in erster Linie die Bildgestaltung, nicht die Technik dahinter. Dennoch ist es mir wichtig, meine Kamera so gut zu beherrschen, dass ich jede Idee, die ich mir ausgedacht habe, auch umsetzen kann. Gerade bei Kundenaufträgen ist fundiertes technisches Wissen unerlässlich, schliesslich gehören dazu oft auch Blitztechnik, Lichtformer und weiteres Equipment. Für mich verläuft die Grenze bei der Art des Projekts: Bei Kundenjobs muss ich zu 100 % die Kontrolle über Kamera, Technik und Bildgestaltung haben. Bei freien Arbeiten hingegen darf es gerne intuitiver zugehen, da ist Platz für Experimente, Spontaneität und Bauchgefühl.

8. Viele Modefotograf*innen greifen zu Festbrennweiten, du hingegen arbeitest bevorzugt mit Zoomobjektiven, insbesondere mit dem 24 bis 120 Millimeter und dem 70 bis 200 Millimeter. Was schätzt du an dieser Flexibilität und warum passt dieses Setup für deine Arbeitsweise so gut?

Ich glaube, das liegt auch daran, dass sich das Bild der Modefotograf*innen in den letzten 20 bis 30 Jahren stark verändert hat. Früher war das ein eher statischer Beruf, oft im Studio, mit Film und deutlich mehr Zeit für jedes einzelne Bild. Heute sieht das ganz anders aus: Die meisten Kund*innen haben diesen zeitlichen Spielraum nicht mehr. An manchen Produktionstagen fotografieren wir bis zu 50 Outfits, jedes davon soll anders wirken, perfekt ausgeleuchtet und ansprechend präsentiert sein. An solchen Tagen bin ich einfach froh, wenn ich nicht ständig Objektive wechseln oder dauernd hin und herlaufen muss, um den richtigen Bildausschnitt zu bekommen. Das 70 bis 200 mm Objektiv bietet mir eine wunderschöne Tiefenunschärfe, ideal für eine ruhige, ausgewogene Bildgestaltung. Das 24 bis 120 mm hingegen hat eine grossartige Flexibilität, von Porträts bis Ganzkörperaufnahmen, ohne Objektivwechsel und ohne viel Bewegung im Set. Diese Kombination möchte ich nicht mehr missen.

9. In der Modefotografie spielt Licht eine zentrale Rolle. Wann entscheidest du dich bewusst für natürliches Licht und in welchen Situationen greifst du lieber zum Blitz? Gibt es bestimmte Kriterien, nach denen du diese Entscheidung triffst?

Das stimmt, ein präzise gesetztes Licht ist gerade bei Auftragsarbeiten enorm wichtig. Kund*innen möchten oft die Qualität und Struktur eines Stoffes oder Materials deutlich zeigen, und dafür ist der Einsatz von Blitzlicht unerlässlich. Ich persönlich bevorzuge allerdings auch hier ein eher weiches, natürlich wirkendes Licht, da das einfach meinem Stil entspricht. Oft setze ich den Blitz so dezent und sanft ein, dass man fast den Eindruck hat, das Bild sei ausschliesslich mit natürlichem Licht entstanden. Bei freien Projekten bin ich dagegen deutlich experimentierfreudiger. Da spiele ich gerne mit verschiedenen Lichtarten, arbeite mit Reflexionen von Folien oder Spiegeln oder verzichte ganz aufs Blitzen und arbeite ausschliesslich mit dem Sonnenlicht.

10.  Gibt es ein Projekt, bei dem du vor einer besonderen technischen Herausforderung standest, sei es beim Licht, Equipment, bei der Location oder beim Setup, und das dir im Nachhinein besonders in Erinnerung geblieben ist?

Da gibt es natürlich viele Geschichten, die ich erzählen könnte. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir zum Beispiel das Kampagnenshooting für Bucherer in Zermatt. Der Kunde wünschte sich Aufnahmen in Zermatt, allerdings sollten wir im Sommer eine Winterkollektion shooten. Da ich zuvor noch nie in Zermatt war, war mir nicht bewusst, dass im Sommer alles grün ist, bis auf das Matterhorn. Entsprechend mussten wir tief in die Trickkiste greifen: Photoshop, Kunstschnee und geschickt gewählte Blickwinkel kamen zum Einsatz. Hinzu kam, dass wir mit sehr wertvollem Schmuck arbeiteten und daher zahlreiche Security Mitarbeiter dabei hatten, was den Ablauf nicht gerade einfacher machte. Die Locations waren abwechslungsreich, mal in Zermatt selbst, mal auf dem Berg, zum Beispiel bei Chez Vroni. Dank einiger schneller Berg Quads und guter Teamarbeit konnten wir das Shooting dennoch meistern. Es war definitiv ein Abenteuer und eines der spannendsten Shootings, die ich bisher machen durfte.

Fast Fire Questions

Du kannst eine Kamera und eine Linse mit auf eine einsame Insel nehmen. Welche sind es?

Nikon Z9 und das Nikkor Z 24-120mm F4

Welche*n Schweizer Fotograf*in sollten unsere Lesenden kennen?

Claudia Knöpfel

Was war deine erste Kamera?

Das war eine Sony Alpha (an die Zahl kann ich mich nicht mehr erinnern ;-))

Welches ist dein meist verwendetes Zubehör?

Der Profoto B10 Blitz


Schlägt dein Fotografieherz fürs Team Analogfilm oder Digital? 

Digital

Bonusfragen

1. Welches ist dein Lieblingsbild der letzten 12 Monate?

Ich würde das Schwarz-Weiss Bild einer unbekleideten Frau wählen, die lediglich eine Kette aus Schneckenhäusern trägt. Mir gefällt die ehrliche, ungekünstelte Ausstrahlung, das Model wirkt selbstbewusst und ruhig. Dieses Bild steht für mich im starken Kontrast zu den gängigen Darstellungen auf Instagram, wo Models sich häufig in überinszenierten Posen für den „Male Gaze“ zeigen. Durch diverse Filter gehen dort oft die Natürlichkeit und Vielfalt realer Körper verloren, etwas, dem ich mit meiner Fotografie bewusst entgegenwirken möchte

2. Selina: Wenn du heute neu starten würdest, was würdest du machen? / Petra: Wer ist deine grösste Inspiration in der Fotografie?  (Frage gestellt von Fotografinnen Selina & Petra - MW Studios

Ich glaube nicht, dass ich heute viel anders machen würde, als ich es damals getan habe, als ich 2008 meine erste Kamera in der Hand hielt. Neben viel Fotografieren, bei anderen Fotografen assistieren und Ausprobieren denke ich, dass vor allem Mut entscheidend ist und davon hätte ich mir damals etwas mehr gewünscht. Mut, einfach die Menschen anzusprechen, mit denen man gerne arbeiten würde. Ich hätte mir gewünscht, früher mit guten Models zu arbeiten, talentierte Stylist*innen anzufragen und einfach frech Locations anzugehen und anfragen. Oft stand mir die Angst vor Zurückweisung im Weg. Leider, muss ich gestehen, teilweise auch heute noch. 

Das ist eine sehr schwierige Frage, da mich viele grossartige Fotograf*innen inspirieren. Neben den Altmeistern wie Newton und Lindbergh faszinieren mich auch zeitgenössische Fotograf*innen sehr. Wenn ich aktuell jemanden hervorheben müsste, wäre es wohl die Australierin Emma Summerton.

3. Welche Frage möchtest du unserem nächsten Interview Partner stellen? 

Sollte man die Thematik, die man fotografiert, möglichst gut verstehen, vielleicht sogar Experte auf diesem Gebiet sein, oder kann ein unvoreingenommener, frischer Blick die Bilder authentischer machen?