Herzlich willkommen zu unserer zweiten Ausgabe der "Zumi Pro Talk" Interview-Serie. Mit diesem Format möchten wir Schweizer Fotograf:innen eine Plattform bieten und euch einen spannenden Blick hinter die Kulissen ermöglichen. Als heutigen Gast durften wir den äusserst kreativen Fotografen Andrin Fretz interviewen. Er ist stets auf der Suche nach neuen Blickwinkeln und hat seine Kunst über mehrere Jahre in der Konzertfotografie geformt. Er ist auch ein begeisterter Analogfilm Fotograf und wird uns etwas über seine Projekte mit dem Medium berichten.

In diesem Format stellen wir den Fotograf:innen jeweils siebzehn Fragen.

  • Fünf persönliche Fragen zum/zur Fotograf:in
  • Fünf neugierige Fragen zur Technik und ihrem Equipment
  • Fünf "schnelle" Fragen, die mit einem Satz beantwortet werden können
  • Drei Bonusfragen zum Abschluss

Die Interviews werden jeweils bei uns im Store Zürich von Fotograf Denny Waves durchgeführt. 

Fünf persönliche Fragen an Andrin

Die Fotografie ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens, und als Fotograf neigt man schnell dazu, seine Identität und sein Selbstwertgefühl mit der Leidenschaft zu verknüpfen. Lass uns für die erste Frage die Fotografie zur Seite legen und erzähle uns: Wer ist Andrin ohne eine Kamera in der Hand?

Hmm, wahrscheinlich derselbe wie mit, nur ohne dass mein Blick ständig umherschweift, um Motive zu suchen. Aber sicher immer neugierig, aufgeschlossen und interessiert. Gleichzeitig geniesse ich es auch sehr, mich zurückzuziehen und die Ruhe zu geniessen. Die Balance ist mir wichtig, aber leider sehr schwierig zu finden in der Selbstständigkeit.

Du bist nun seit einigen Jahren als selbstständiger Fotograf unterwegs und hast deine Wurzeln in der Konzertfotografie. Nun möchtest du deine besten Bilder aus 10 Jahren in einem Fotobuch veröffentlichen. Was hat dich dazu bewogen, dieses Buchprojekt anzugehen? Was erhoffst du dir davon?

Dieses Projekt befindet sich noch in einer sehr frühen Phase. Aber es motiviert mich, meine Arbeit einmal zusammengefasst und in physischer Form zu sehen. Die Arbeit an dem Buch ist jedoch extrem zeitintensiv, deshalb wird es wohl noch einen Moment dauern, bis ich soweit bin.

Zum Glück habe ich einen tollen Verlag, der mich super unterstützt. Bis etwas vorliegt, muss man sich aber noch gedulden. Ich möchte mich bei einer solchen freien Arbeit nicht unnötig unter Druck setzen.

Andrin beherrscht von Konzertfotografie bis hin zu kommerziellen und Fashion Shoots eine Vielzahl an Motiven.

Ein Fotografenfreund hat dir zu Beginn deiner Karriere gesagt, dass alle Konzertfotos für ihn gleich aussehen. Wie hat sich diese Aussage auf deine Fotografie ausgewirkt? Mit welchem Tipp würdest du ihm heute entgegnen?

Diese Aussage hat mich herausgefordert. Ich halte sehr viel von seiner Meinung, daher hallt seine Aussage bis heute nach. Und ich muss ihm schon auch recht geben, viele Konzertfotos erzählen das Gleiche. Umso inspirierender finde ich es, wie kreativ und wild die Konzertfotografie in den letzten Jahren geworden ist. Das spornt mich an, wenn ich im Bühnengraben stehe.

Du hast vor kurzem deine Website komplett überarbeitet, und sie sieht übrigens grossartig aus! Im Zeitalter von Social Media und kurzer Aufmerksamkeitsspanne ist es nicht ganz einfach, Leute davon zu überzeugen, eine statische Website zu besuchen. Warum steckst du trotzdem viel Energie in deinen Webauftritt? Wie schaffst du es, die Seite aktuell zu halten?

Die Website ist der einzige Ort, an dem ich die volle Kontrolle über die Darstellung meiner Arbeit habe. Wo wird meine Arbeit sonst noch gesehen? Grösstenteils nur noch auf Instagram - oder eben einer Webseite. Instagram hat aber so viele Einschränkungen, dass es für mich zwingend einen eigenen Kanal braucht, auf dem ich meine Arbeit präsentieren kann. Ich bin stolz auf meine Arbeit, deshalb soll sie auch einen angemessenen Rahmen erhalten.

Ich finde deine Portraitaufnahmen sehr ausdrucksstark, besonders die Bilderserie auf Silbersalzfilm, die du von Laura in Kapstadt aufgenommen hast. Wie schaffst du es, deine Vision umzusetzen, aber gleichzeitig die Person vor der Kamera authentisch einzufangen?

Offen bleiben für den kreativen Fluss. Eine Grundidee zu haben, hilft natürlich. Eine tolle Location und ein Subjekt, mit dem man sich versteht, ebenfalls. Aber das Unkontrollierbare ist am Ende das Spannende.

Wenn ich durch den Sucher schaue und spüre, dass alles so zusammenkommt, wie es soll, dann ist es auch nicht so schlimm, dass ich im Eifer des Gefechts die Kamera öffne, bevor ich den Film zurückspule ;). Embrace the imperfections.

Alle Konzertfotos sehen gleich aus - "Diese Aussage hat mich herausgefordert. Ich halte sehr viel von seiner Meinung, daher hallt seine Aussage bis heute nach."

Portraitserie von Model Laura geschossen in Südafrika. Für die Fotos kam der Analogfilm von Silbersalz 35 250D und die Nikon FE zum Einsatz.

Fünf Equipment & Gear Fragen

Du hast schon mit vielen verschiedenen Analogfilmen fotografiert. Stell dir vor, du hältst drei Filmrollen in deiner Hand. Die erste Rolle darfst du einem guten Freund schenken, die zweite musst du deinem "Erzfeind" in die Kamera legen, und die Dritte bleibt mit unendlich Platz für Bilder für immer in deiner Kamera. Welche drei Filmrollen sind es und wer bekommt welche Rolle? Warum?

  • Guter Freund: Kodak Gold - Wunderschöner Look, verzeiht viel, preiswert, bringt Sommervibes.
  • "Erzfeind": Kodak Gold  - Ich habe keinen Erzfeind und gönn' meinem Lieblingsfilm allen 
  • Für immer: Kodak Gold - Kann alles. Egal ob Sonne, Schnee, gepusht im Dunkeln, für Portraits, Landschaften, einfach der beste Allrounder mit einem spannenden Look.

Die Analogfotografie erlebt in den letzten Jahren einen zweiten Frühling. Gleichzeitig findet im anderen Spektrum der digitalen Fotografie durch künstliche Intelligenz und neue Bearbeitungs-Tools sehr viel Bewegung statt. Siehst du eine Möglichkeit, wie KI deine Filmfotografie weiterbringt? Nutzt du bereits KI-Tools?

KI wird kommen, ob wir wollen oder nicht. Man hat sich bereits gegen andere Megatrends gewehrt, gebracht hat es nicht viel. Aus meiner Sicht muss man der neuen Realität ins Gesicht schauen und versuchen, damit umzugehen.

Verbote bringen da nichts, sondern man sollte sich damit auseinandersetzen und regulieren. In meiner Arbeit nutze ich bereits KI, vor allem für das Entfernen von störenden Flecken oder Elementen, die ich aus künstlerischer Sicht als störend empfinde. Das hilft bereits sehr. KI wird unsere Branche verändern, aber auch neue Chancen generieren. Ich bin gespannt.

Portraitarbeiten fotografiert mit Analogfilm.

Du hast eine sehr kontroverse Meinung zum beliebten Analogfilm "Kodak Portra 400" Der Film sei überbewertet! Was sagst du zur Verteidigung deiner Meinung? Welches Filmmaterial würdest du auf deine Flagge schreiben?

Es ist ein schöner Film, keine Frage. Aber aus meiner Sicht hat Instagram einen Portra-Hype ausgelöst, der den hohen Preis nicht rechtfertigt. Ich sehe Fotografen, die frisch in die analoge Welt eintauchen und mit Portra fotografieren, weil sie diesen überall sehen und denken, nur mit diesem spezifischen Film diesen einen Look zu erhalten. Dabei würde ich ihnen sagen, kauft lieber günstigere Filme (wie z.B. Gold). Dafür aber zwei davon, was zu mehr Fotografieren führt. Lieber günstigerer Film, dafür mehr Fotografieren.

Du fotografierst ausschliesslich mit Festbrennweiten und würdest eine 24-70mm höchstens als Seifenspender verwenden. Warum? Hast du aufgrund deiner Liebe für Primes schon mal einen großartigen Shot verpasst?

Fast. Das ist ein bisschen harsch. Ich nutze Zooms einfach nicht so gerne, weil sie bequem sind. Klar, Objektivwechsel können nerven, und ich würde lügen, wenn mir noch nie eine Linse fast aus der Hand geflogen wäre. Aber die Einschränkung der Festbrennweite fordert mich heraus, was wiederum inspirierend ist. Zudem sind Festbrennweiten preiswerter und bieten eine tolle Bildqualität. Das gesparte Geld kann ich lieber für Abenteuer ausgeben, anstatt für teure Zoom-Objektive.

Deine erste Wahl für die Filmfotografie ist aktuell die Nikon FE. In deiner Digitalfotografie bist du mit der Nikon Z8 unterwegs, und für den täglichen Gebrauch hast du meistens eine Fujifilm X100V / VI dabei. Was schätzt du jeweils am meisten an diesen drei Kameras, und hast du bereits ein weiteres Schmuckstück ins Auge gefasst?

Die Nikon FE liebe ich. Sie war die erste analoge Kamera, in die ich vollstes Vertrauen hatte. Sie gibt mir die Ruhe und Sicherheit, mehr analog zu fotografieren. Wenn ich die Nikon FE nehme, weiß ich, dass die Rolle meinen Ansprüchen genügen wird.

Die Z8 hingegen ist mein Arbeitspferd. Sie kann wirklich alles. Nikon begleitet mich schon seit meinen Anfängen in der Fotografie. Technisch waren die Kameras nicht immer auf der Höhe, aber mit der Z8 sind sie wieder da, und ich liebe sie, besonders für die Arbeit.

In meiner Freizeit oder bei meinen Musikprojekten ist die Fujifilm X100V (und jetzt auch die VI) meine Lieblingskamera. Sie macht einfach Lust auf Fotografie. Simpel, technisch absolut solide und ein wunderschönes Design. Mit der X100V kann ich abschalten, die Arbeit (aka Z8) zuhause lassen und einfach fotografieren.

Verschiedene Künstlerportrait aufgenommen über die letzten Jahre. Von links nach rechts: Adriatique, Cella, Bligg

"Kauft lieber günstigere Filme (wie z.B. Kodak Gold). Dafür aber zwei davon, was zu mehr Fotografieren führt. Lieber günstigerer Film, dafür mehr Fotografieren."

Fünf schnelle Fragen

Du kannst eine Kamera und eine Linse mit auf eine einsame Insel nehmen. Welche sind es?

Nikon FE + 50mm 1.8 

Welchen Schweizer Fotografen sollten unsere Leser kennen?

Fya Lavater

Was war deine erste Kamera?

Nikon D5000

Welches ist dein Meist verwendetest Zubehör?

Kameragurt von Peakdesign 

Schlägt dein Fotografenherz fürs Team Analogfilm oder Digital?

Fürs Team Fotografie, ich seh da ein miteinander und kein gegeneinander :)

Die drei Bonusfragen

Welches ist dein Lieblingsbild der letzten 12 Monate? Weshalb?

Portrait von The Blaze. Ich bin Riesen Fan und es war nicht gerade einfach, die beiden vor die Linse zu kriegen. Aber glücklicherweise trauten sie sich an den letztjährigen Musikfestowchen vor meine Kamera. 

Andrins Lieblingsbild der letzten 12 Monate - Portrait von The Blaze

Was macht für dich den Reiz der Fotografie aus? (Frage gestellt von unserem letzten Interviewpartner Levi Fitze ☺)

Das Festhalten von Momenten und Erinnerungen. Egal welche Emotion damit verbunden wird. 

Welche Frage möchtest du unserem nächsten Interview Partner stellen?

Was braucht es in der Schweiz, damit Fotograf:innen besser miteinander verknüpft sind und sich austauschen können?


Über Andrin

Ein Text über sich selber zu schreiben fällt mir schwer. Sich ins Zentrum seines eigenen Schreibens zu stellen, entspricht eigentlich nicht meiner Natur. Einerseits schreibe ich nicht sonderlich gerne, andererseits geht es in diesem Blogbeitrag schon genug um mich. Ich stehe nicht gerne im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Meine Form der Kommunikation ist das Zeigen von allem Anderen. Aus meiner Perspektive, wie ich die Welt sehe und was für mich Erzählenswert erscheint. Das gezeigte soll für sich sprechen.

Hmm, aber geht es ja dann nicht doch wieder nur um mich? Ich hadere – würde aber abschliessend sagen, dass es bei der Fotografie wohl immer um die subjektive Wahrnehmung der fotografierenden Person geht. Kuratierte Inhalte, die Objektivität ausstrahlen. Das ist die Magie der Fotografie und ein wichtiger Grund, wieso mich diese Kunstform so fasziniert. Ein Foto sagt viel über das gezeigte, wohl aber genau so viel über die Person hinter der Kamera. Deshalb lade ich euch ein, mich auch auf diese Weise kennenzulernen. Ich freu mich!

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