Sean Wirz, Regisseur und Auftragsfilmer aus Bern, hat die Atlas Orion 2X Anamorphic Prime Linsen zusammen mit einer RED Gemini getestet. Sein damit entstandener Kurzfilm feiert demnächst Premiere. 

Den umfangreichen Testbericht der anamorphen Linsen, die wir seit Anfang des Jahres im zumirent.ch verfügbar haben, liest Du hier: 

Filmstill aus dem Rohmaterial mit Darstellerin Giulia Demenga.

"Ich habe Anfang des Jahres die Möglichkeit erhalten, eine Woche lang in einem verlassenen, mehrstöckigen Haus eine freie Arbeit zu drehen. Drei Stockwerke und Keller. Zwölf Zimmer. Alte Wände und staubige Böden. Das Haus war wunderbar atmosphärisch und so sollte unser Kurzfilm auch werden. Wobei, atmo-anamorphisch sollte es schlussendlich präziser beschreiben. Aber alles der Reihe nach:

Die Idee

Im Team hatten wir uns entschieden, einen experimentellen, dialogfreien Kurzfilm zu drehen. Bildsprache, Ästhetik und Farbgebung sollten bei dieser Arbeit im Vordergrund stehen. Unsere guten Freunde von zumirent.ch in Bern haben seit diesem Jahr die Atlas Orion 2X Anamorphic Primes im Angebot und es erschien uns als die perfekte Gelegenheit, diese Linsen auf Herz und Nieren zu testen und unserem Film den unwiderstehlichen Cinemascope-Look zu verpassen. Die Fixbrennweiten gepaart mit der Red DSMC2 Gemini Super-35 Kamera und einigem Zubehör (siehe zumirent.ch-Mietliste weiter unten) ergab ein einigermassen leichtes, flexibles, aber zeitgleich unfassbar bildstarkes Paket. Aber wie unterscheiden sich anamorphe Linsen, wie die Atlas Orions eigentlich überhaupt zu regulären, sphärischen Linsen?

 

 


Trailer



Anamorphe Linsen?

Anamorphe Linsen waren Hollywoods Antwort auf den Höhenflug des Fernsehens in den 1950er Jahren. Dank dem ästhetischen Breitbildformat, welche die Anamorphoten anboten, war man dem ordinären, quasi-rechtwinkligen 5:4 Format des Flimmerkastens wieder einen Schritt voraus. Die Arbeit mit den Atlas Orion Primes ist aber gewiss anspruchsvoller als mit sphärischen Linsen. So sind sie im Vergleich zu Zeiss CP3 Fixbrennweiten deutlich grösser und schwerer. Sie sind ausserdem weniger als Allrounder-Linsen zu verstehen. Die Nahfokusdistanz der Linsen lässt beispielsweise zu wünschen übrig. Bei der 100mm Linse beträgt sie satte 100 Zentimeter. Das erlaubt gerade mal ein klassisches Close-Up, aber kein Spaghetti-Western-Augenduell, oder Lolita-Lollipop-Lecken. Die Atlas Orion Linsen haben im Gegenzug eine beachtliche maximale Blendenöffnung von T/2, wobei die Bildcharakteristik unter T/4 eher weich (sprich: unscharf) wird und eine leichte Vignettierung sowie ein leichtes «Blooming» feststellbar wird. Es gibt noch einen weiteren Wermutstropfen. Eine der bekanntesten und beliebtesten Eigenschaften anamorpher Linsen sind die bläulichen langen Blade-Runner-Flares. Beim Testen der Linsen stellten wir fest, dass uns das Flareverhalten der Orions nicht wirklich überzeugt. Gerade die Flares der 40mm Linse wirken auf uns eher technisch, hart und unregelmässig (siehe Video). Bedenkt man aber, dass der Hersteller es geschafft hat, eine verhältnismässig erschwingliche Linse herzustellen, die sich vor der etablierten Konkurrenz von Arri, Angenieux und Cooke nicht verstecken muss, dann verzeiht man diese wenigen Nachteile sofort.

Oben: Filmstill aus dem Rohmaterial. Mit Darstellerin Chantal Dubs.
Unten: Das Setup ist kompakt und handlich. John Rütti (Kameramann), Chantal Dubs und Oberbeleuchter Daniel Bleuer.

Atlas Orion Primes

Die Atlas Orion Primes haben einen zweifachen Quetschfaktor. Früher wurde so aus dem 5:4 (1.25:1) eben ein 21:9 (2.40:1). Oder schöner ausgedrückt: aus Gähn wird Wow! Der zweifache Quetschfaktor der Linsen bedeutet aber auch, dass man nicht mit jeder Kamera problemlos drehen kann. Eine Sony PXW-FS7 erlaubt, wie zahlreiche andere gängigen Videokameras, ausschliesslich Aufnahmen in 16:9 resp. 16:10 (1.78:1 resp. 1.85:1). Quetscht man dieses Bild nun horizontal mit dem Faktor Zwei, entsteht ein wider-than-widescreen Format, welches kaum einen praktischen Nutzen hat. Es ist notwendig, das Bild in der Post-Produktion links und rechts zu beschneiden. Da stellt sich dann die Frage, wofür man überhaupt noch anamorphe Linsen braucht, wenn man ohnehin in der Schnittsoftware das Bild jeder beliebigen Kamera beschneiden und damit auch ein Breitbild faken kann.

Filmstill aus dem Rohmaterial mit Regisseur Sean Wirz.

Der grosse praktische und ästhetische Vorteil von Anamorphoten liegt darin, dass in einer einzelnen Linse quasi zwei Brennweiten versteckt sind. Die Atlas Orion Primes gibt es beim Zumirent in den Brennweiten 40mm, 65mm und 100mm. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass eine klassische Weitwinkelbrennweite fehlt, doch der zweifache Quetschfaktor führt eben dazu, dass man in der Breite ein 20mm, ein 32.5mm und ein 50mm hat. Man hat also das Beste zweier Welten: Das Sichtfeld eines Weitwinkelobjektivs mit der Tiefe eines Normal- bzw. Teleobjektivs - perfekt für die engen Gänge unserer Location. Es fiel uns bei der Arbeit immer wieder positiv auf, wie beim Kadrieren in Cinemascope auf natürliche Weise die Decke und die Füsse wegfallen. Die Cadrage mit diesen Linsen fühlt sich so natürlich wie befreiend an. Wir standen am Set öfters als uns wohl war selbstverliebt vor dem Atomos Sumo 19’’ Kontrollmonitor (von zumirent.ch) und bewunderten unsere Komposition. Wir waren vom Bild meistens schon begeistert, noch bevor wir mit unseren Arri L5-C LED Fresnel und den Astera Titan LED Tubes (beides von zumirent.ch) richtig eingeleuchtet hatten. Die Arbeit mit der Red Gemini und den Atlas Orion Primes war ohnehin eine wirklich motivierende und lohnende Angelegenheit. Das Bild der Atlas Orion Linsen ist lebendig und die Farbwiedergabe grossartig. Die Red Gemini hat einen beeindruckenden brauchbaren Dynamikumfang und überzeugte uns auch im Low-Light Bereich. Der Workflow mit Linse, Kamera und Schnittsoftware verlief gänzlich ohne Probleme. Die Bedienung ist intuitiv und praktisch und die Kompatibilität hundertprozentig gewährleistet.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Atlas Orion Primes einiges vom Anwender verlangen, im Gegenzug aber richtig viel zurückgeben. Ja, es braucht eine Rig für Kamera, Mount und Linse und eine Mattebox gegen unerwünschte Flares. Ja, es braucht ein Storyboard, um die Ultra-Close-Ups und Makroaufnahmen im Vorfeld mit Alternativen zu ersetzen und es empfiehlt sich einen Kameraassistenten dabei zu haben um scharfe Bilder zu garantieren und das ganze Setup am Leben zu erhalten. Im Gegenzug kriegt man aber erstklassig verarbeitete Linsen, die weit über ihr Preissegment hinausstrahlen. Und man kriegt den wahrhaftig unwiderstehlichen Look echter anamorphen Linsen, den man so schnell nicht wieder missen möchte."

Zumirent Mietliste:

 

Sean Wirz

Sean Wirz (*1988) ist Regisseur und Auftragsfilmer. Sein Drama YARA (2019), der Tanzfilm (AKASHA) und die schwarze Komödie LICHTER AUS!!! (2017) liefen an zahlreichen Kurzfilmfestivals weltweit. YARA erzählt eine Flüchtlingsgeschichte aus den Augen eines zwölfjährigen kurdisch-schweizerischen Jungen. Nebst Fiktion und Werbung realisiert Sean Arbeiten mit sozialem Charakter. Darunter ein Filmworkshop für Menschen mit einer körperlichen Behinderung, oder ein Kurzdokumentarfilm zu Alltag und Perspektive demenzbetroffener Menschen. Sean studierte in Australien, Zürich und New York City. Er lebt in Bern und taucht zu jeder Jahreszeit in das kalte Nass seiner geliebten Aare ein.

www.seanwirz.com