

Die Qual der Wahl im Fujifilm APS-C Lineup. X-T50, X-T5 und die schwer verfügbare X100VI. Ich habe alle Kameras selbst benutzt und erzähle in diesem Artikel, was die Unterschiede im Alltag ausmachen und welche ich wem empfehlen würde.
Vor knapp zwei Jahren hat Fujifilm die X-T5 vorgestellt. Der Fokus lag auf der Fotografie. Ein eher klassisches Klappdisplay. Kein Flip-Screen, wie es die X-H2 und X-H2S haben. Der Body sogar ein wenig kleiner als die Vorgängerin X-T4. Also eigentlich eine X-T3 mit dem neusten Sensor und Prozessor der fünften Generation innerhalb der Fujifilm X Familie mit APS-C Sensor. Eine tolle Kamera! Nun hat Fujifilm die X-T30II ebenfalls erneuert und die X-T50 befindet sich seit kurzem im Verkauf. In diesem Artikel gehen wir auf die Unterschiede der beiden Kameras ein, damit du dich besser für eines der beiden Modelle entscheiden kannst. Wir vergleichen die beiden Kameras auch mit der schwer verfügbaren X100VI.
Ich möchte in diesem Artikel den alltäglichen Umgang mit den Kameras in den Vordergrund stellen. Pixel-Peeping, also das übertriebene Beurteilen von jedem einzelnen Pixel in einem Bild, ist spannend und wichtig, ich bin jedoch ein emotionaler Typ Fotograf. Für mich zählt das Ergebnis in den Bereichen, in denen ich mich fotografisch bewege und die Haptik, wenn ich die Kamera benutze. Mit einer Kamera, die sich nicht gut in meiner Hand anfühlt, mache ich keine guten Bilder.


Stefan Lehmann
Selbständiger Fotograf und Videoproduzent
Inhaber lehmann kreativ GmbH Aarberg
Instagram: @stefanlehmann
Youtube: @stefanlehmann_ch
Seit rund 10 Jahren erbringe ich Dienstleistungen im Bereich Foto & Video. Ich mag Review-Videos auf Youtube, grillieren und schöne Kameras. Beruflich arbeite ich am Liebsten mit 85mm Brennweite und privat habe ich meistens etwas um 35mm bei mir. Fotografisch versuche ich die ungestellte Streetfotografie in meine übrigen Buchungen einfliessen zu lassen. Blitzlicht mag ich nicht besonders, dafür könnte ich Stunden damit verbringen, Kamerarigs zu bauen.
Lass uns die wichtigsten technischen Spezifikationen durchgehen. Welche Features bieten dir beide Kameras:
- CMOS-Sensor APS-C mit 40,2 Megapixel und einem Cropfaktor von 1,5
- 5-Achsen-Bildstabilisator (7 EV)
- ISO 64 bis ISO 51.200
- Phasenvergleich-Autofokus mit 425 Sensoren, Kontrast-Autofokus
- Videoauflösung 6.240 x 3.150 30p und 4.096 x 2.160 60p
- 3" (7,6 cm) TFT LCD Touchscreen mit 1.840.000 Bildpunkten, entspiegelt, neigbar um 90° nach oben und 45° nach unten
Und welches sind die relevanten Unterschiede, abgesehen von den Abmessungen:
- Die X-T5 ist Witterungsbeständig, die X-T50 nicht
- Die X-T5 hat zwei SD Speicherkartenslots, die X-T50 einen
- Im Gegensatz zur X-T5 hat die X-T50 einen eingebauten Blitz
- Der Sucher der X-T5 löst mit 3,69 Millionen Bildpunkten auf, der Sucher der X-T50 mit 2,36 Millionen
- Die X-T5 hat den grösseren NP-W235 (580 Bilder) Akku mit 2'200 mAh, die X-T50 den kleineren NP-W126S mit 1'260 mAh (390 Bilder)
- Die Bildfolge im Serienbildmodus beträgt bei der X-T5 bis zu 15 Bilder pro Sekunde mit mechanischem Verschluss, bei der X-T50 sind es 8 Bilder pro Sekunde
- Bei der X-T5 liegt die schnellste Verschlusszeit bei 1/8000 Sekunden und bei der X-T50 sind es 1/4000 Sekunden
- Die X-T5 kann mit der Funktion Pixel-Shift eine 160 Megapixel Aufnahme machen


Ist die X-T50 zu klein oder die X-T5 zu gross?
Die Antwort "es kommt darauf an" hilft leider selten weiter, ist aber hier korrekt. Denn es kommt auf deine Hände an. Einigen wird sogar die grössere X-T5 zu klein sein. Für die X-T5 gibt es separat zu erwerbende L-Winkel und Griffe, die in einem solchen Fall unterstützen. Für mich muss aber nicht immer ein grosser Griff an einer Kamera sein. Insbesondere, wenn ich sie für Schnappschüsse benutze und beispielsweise mit einem Kameraseil – oder Gurt sichere. Dafür passt eine X-T50 je nach Objektiv gut in eine Jackentasche oder in eine kleine Umhängetasche. Als grosser Mann mit mittelgrossen Händen kann ich dir also sagen, dass beide Kameras als ‘every day carry’ gut eignen. Umgehängt, in der Jackentasche und in der Umhängetasche oder Rucksack sowieso. Auch wenn du einen Wanderrucksack trägst und deine Kamera einfach zusätzlich dort drin verstauen willst, findet sich da bestimmt noch etwas Platz. Ausschlaggebend ist das Objektiv. Fujifilm hat eine Vielzahl kompakter Linsen, die deine X-T5 oder X-T50 noch kompakter machen. Das XF 18mm f2 ist bereits etwas älter und dementsprechend der Autofokusmotor nicht mehr der Schnellste. Dafür passt es optisch perfekt an beide Kameras und macht gerade die X-T50 beinahe so kompakt wie die X100VI. Auch das XF 27mm f2.8 gehört in die Kategorie Pancake-Objektive. Beide Objektive sind Festbrennweiten, lichtstark und eignen sich hervorragend für die Street-Fotografie und für Reisen.


Fujifilm XF 16-50mm F2.8-4.8 R LM WR
Dem neuen Kit-Zoom Objektiv von Fujifilm widme ich einen eigenen Absatz. Es könnte die Wahl deiner Kamera beeinflussen. Bereits das Vorgängermodell XF 18-55mm f/2.8-4.0 R LM OIS war, in meinen Augen, eines der besten Kit-Objektive im Bereich der ambitionierten Freizeit-Fotografie. Das neue 16-50mm Zoom beginnt mit 2mm mehr Weitwinkel. Das sind umgerechnet auf Vollformat dann 24 Millimeter und perfekt für Landschaftsaufnahmen oder Innenräume. Mit Zoom auf 50 Millimeter kommst du in den mittleren Telebereich, perfekt für Portraits. Mit Blende 4.8 kannst du bei entsprechenden Distanzen schön freistellen. Natürlich ist ein Fujifilm XF 56mm f1.2 oder gar ein XF 50mm f1.0 auch eine Überlegung wert. Aber das neue Zoom wiegt 240 Gramm und ist eingefahren nur 7,2 Zentimeter lang. Die X-T50 in Kombination mit dem neuen Kit-Objektiv macht für lange Zeit Freude, ohne überhaupt weitere Objektive anzuschaffen. Das XF 16-50mm Objektiv ist abgedichtet und somit ist die Witterungsbeständigkeit an der X-T5 gewährleistet. Es ist auch im Kit mit der X-T5 erhältlich.
Was fotografierst du wo und wie?
Mit dieser Frage kannst du am ehesten Entscheiden, ob für dich die X-T5, die X-T50 oder eine X100VI die richtige Kamera ist. Alle drei Kameras kommen mit demselben stabilisierten 40 Megapixel Sensor und bieten dir ein modernes Paket an Funktionen inklusive dem von KI gestütztem Autofokus. Alle drei Modelle bieten ein Vintage Design mit mehr als einem Rädchen in jeweils schwarz und silber. Wobei es die X-T50 auch in der Farbe charcoal silver gibt. Einfach heruntergebrochen ist die X100VI die kompakteste Variante. Ein 35 Millimeter Objektiv mit Blende 2, fix montiert. Ein wunderschönes Designkonzept. Leider sehr schlecht verfügbar. Die X-T50 bietet auf der linken Schulter ein zusätzliches Wählrad für die beliebten Filmsimulationen. Alle drei Kameras beinhalten dieselben Fujifilm Film Simulationen. Inklusive der neuesten Kreation Reala Ace. Die Film Simulationen beherrschen sogar die Fujifilm GFX Mittelformatkameras. Ich habe mit allen genannten Kameras auch im professionellen Bereich fotografiert. Den grössten Abstrich machst du bei der X-T50 und X100VI bezüglich Sicherheit – mit nur einem SD-Slot. Mit meinen mittelgrossen Männerhänden halte ich die X-T50 und X100VI sicherlich etwas weniger stark umschlossen als eine X-T5, da die L-förmige Griffwulst weniger ausgeprägt ist. Trotzdem liegen die beiden kleineren Kameras dank der markanten Daumenauflage sicher in der Hand. Ich empfehle sowieso für die jederzeit gegebene Sturzgefahr oder Diebstahl, eine Handgelenkschlaufe oder ein Tragegurt.
Bist du also gerne mit einer kleinen Tasche oder nur mit der Kamera und einer Tragevorrichtung unterwegs, geht das mit vielen verfügbaren Fujifilm Modellen hervorragend. Das verwendete Objektiv ist also ausschlaggebend. Fotografierst du für dich und lädst die Bilder auch direkt unterwegs schon aufs Handy hast du automatisch eine Sicherung deiner SD-Karte und du benötigst keinen zweiten SD-Slot. Wenn du nun aber Fotoshootings für Kunden anbietest und deine Bilder zuhause in aller Ruhe bearbeiten willst, kann ein zweiter SD Kartenslot Sinn machen. Du kannst die X-T5 dann anweisen, die Bilder simultan auf die Karten zu schreiben.
Das 35 Millimeter Objektiv der X100VI eignet sich weniger für klassische Portraits. Es gibt zwei schraubbare Linsen die mehr Weitwinkel oder Tele generieren, was die Kamera dann aber um einiges grösser werden lässt. Mit dem weiter oben beschriebenen XF 16-50mm Kit Objektiv bist du nur wenig grösser unterwegs, deckst aber einen grösseren Bereich an Brennweiten ab. Die X-T5 hat wie bereits erwähnt einen grösseren Griff und eine etwas grössere Erhöhung zwischen den Einstellrädchen. Sie ist zudem 92 Gramm schwerer.
Gewicht und Grösse, einschliesslich Akku und Speicherkarte (Breite x Höhe x Tiefe)
- Fujifilm X-T5: 529g, Abmessungen 129,5 mm x 91 mm x 63,8 mm
- Fujifilm X-T50: 438g, Abmessungen 123,8 mm x 84,4 mm x 48,8 mm
- Fujifilm X100VI: 520g, Abmessungen128 x 75 x 55 mm
Bis hier hin sind es also nur wenige Differenzen und immer noch schwierig abzuwägen, welche denn nun die perfekte Wahl wäre. Gehen wir detaillierter auf die Unterschiedlichen Funktionen ein.






Witterungsbeständigkeit
Das kann ein klares Entscheidungskriterium für die X-T5 sein. Bist du viel draussen bei Wind und Regen, dann ist die Wahl fast klar. Es gibt immer noch klassische Möglichkeiten von früher, eine Kamera etwas abzudecken. Regenschutzhüllen für unterschiedliche Kameragrössen sind zudem als Zubehör verfügbar. Trotzdem ist es optimal, wenn eine Kamera ab Werk Witterungsbeständig ist. Bitte berücksichtige, dass die Fujifilm X100VI erst witterungsbeständig ist, wenn du das Fujifilm Weather-Resistant Kit anbringst.
Sucher-Auflösung
Da halte ich mich kurz: Wenn du das nicht dauernd vergleichst und zwischen X-T50 und X-T5 hin – und herwechselst, bemerkst du das nicht. Die X100VI hat denselben Sucher wie die X-T5.
Unterschiedliche Akkus
Die X100VI und X-T50 teilen sich den kleinen Fujifilm Akku NP-W126S. Bei der privaten Anwendung reicht dieser bei moderater Benutzung einen Tag beim City-Trip. Da alle drei Kameramodelle über einen USB-C Anschluss verfügen, wäre auch ein kurzes Aufladen mit einer Powerbank eine Möglichkeit. Das fällt eher bei professioneller Anwendung ins Gewicht, wenn die Kamera stetig eingeschaltet bleibt oder viele Serienbildaufnahmen gemacht werden.
Schnellere Verschlusszeit
Die Möglichkeit die Verschlusszeit der X-T5 bis auf 1/8000 einzustellen, kann einen ND-Filter obsolet machen. Hier punktet die X100VI mit einem eingebauten ND-Filter. Bei normalem Fotogebrauch auf Reisen und im Alltag genügen die 1/4000 Verschlusszeit in 99% der Fällen. Zudem genügt es oft, einfach leicht abzublenden. Wenn Abblenden keine Option ist und du auch vorher schon gerne mit Offenblende in hellen Umgebungen fotografiert hast, wird dich das Mitbringen eines ND-Filters nicht stören. Beim Filmen sind ND-Filter sowieso unerlässlich.
Serienbilder
Die Serienbildgeschwindigkeit von 13 zu 15 Bilder pro Sekunde macht im Alltag keinen grossen Unterschied. Wenn du in die Welt der Ornithologen eintauchen willst, empfiehlt sich vielleicht sogar eine X-H2S. Auch in meinem professionellen Umfeld arbeite ich selten mit über 5 Bilder in der Sekunde. Schliesslich muss man die Bilder auch sortieren und bearbeiten. Mit elektronischem Verschluss sind bis zu 20 Bilder in der Sekunde möglich, es besteht aber dann ein erhöhtes Risiko für Rolling Shutter beim Bewegen der Kamera. Das sind vertikale Verschiebungen, weil der Sensor Zeile für Zeile ausliest. Zudem haben alle Kameras einen leichten Zuschnitt der Bildgrösse, wenn mit dem elektronischem Verschluss gearbeitet wird.
Pixel Shift
Diese Funktion bietet aktuell nur die X-T5 und die Modelle aus der GFX-Reihe. Die Kamera nimmt während mehreren Sekunden ein 160 Megapixel Bild auf, indem sie den Bildstabilisations-Mechanismus benutzt, um den Sensor jeweils leicht zu verschieben – daher Pixel Shift. Scannst du Negative oder Dokumente? Dann ist diese Funktion sehr praktisch.
Verfügbarkeit und Preis
Auch die Verfügbarkeit und der Preis sind Indikatoren für die Kamerawahl. Hier schneidet die X100VI leider schlecht ab. Sie ist mit rund CHF 1'600.- kein Schnäppchen und schlecht verfügbar. Die X-T5 ist etabliert und in mehreren Ausführungen verfügbar. Der Body liegt bei CHF 1'600.-. Das Kit mit dem neuen XF 16-50mm kostet aktuell um CHF 2'150.-. Hier trumpft die X-T50 mit einem Preis von CHF 1'700.- und der Body ohne Objektiv liegt bei CHF 1'350.-.
Zusammenfassung
Ich besitze oder besass alle aufgeführten Kameramodelle mehrere Wochen, Monate oder Jahre und habe ausführlich fotografiert und getestet. Mir ist bewusst, dass sich viele eine X100VI wünschen und ich kann das absolut nachvollziehen. Immerhin höre ich regelmässig Berichte darüber, dass wieder einige ihre Kamera erhalten haben. Nachdem ich nun eine Hochzeit und ein umfangreiches Fotoshooting sowie viele Bilder im Alltag mit der X-T50 geschossen habe, erkläre ich diesen Kamerabody als meine persönliche Empfehlung für alle, die sich nicht auf ein Objektiv verlassen wollen. Fujifilm bietet eine geniale Auswahl an herausragenden Objektiven. Eigentlich ist es fast ein wenig Verschwendung, den Sensor in der X100VI vor dieser Auswahl an Optiken zu verschliessen. Besonders das Superzoom XF70-300mm F4-5.6 R LM OIS WR hat es mir sehr angetan. Ein Tele mit einer sehr soliden optischen Leistung unter CHF 800.- ist allein schon fast ein Grund, eine X-T50 oder eine X-T5 zu wählen. Es ergänzt das Kit-Objektiv 16-50mm perfekt für alle Arten der Fotografie. Selbstverständlich kann ich mit diesem Lob für die X-T50 auch die X-T5 uneingeschränkt empfehlen. Ja, sie ist etwas grösser und schwerer. Bietet dafür aber mehr Schutz und Griffigkeit und hält dank des grösseren Akku etwas länger durch. Abschliessend kann ich festhalten, dass Fujifilm sehr hochwertige Kameras für den privaten und professionellen Gebrauch baut und es dadurch schon fast etwas schwierig werden kann, sich für ein Modell zu entscheiden. Der Vorteil dabei ist, dass dich der Kauf einer Fujifilm Kamera mit ziemlicher Sicherheit nicht enttäuschen wird. Egal, welches Modell es am Ende für dich wird.










