Mario Wüest hatte die Möglichkeit am Canon Launch Event in Amsterdam dabei zu sein. Er hat umfangreiches Wissen über das neue Canon RF-System mit auf den Weg bekommen und konnte natürlich erste Testfotos mit der EOS R schiessen. Hier kommt sein Eindruck aus Amsterdam:

Canon EOS R mit RF 50mm

Bild: Canon EOS R / RF 50mm f/1.2L USM bei Blende 2.8 - JPG Datei unbearbeitet


Yuichi Ishizuka, der Präsident und CEO von Canon EMEA höchstpersönlich, zeigte bei seiner Präsentation nochmals die Stärken des neuen EOS R Systems:

  • Der schnellste Autofokus der Welt
  • Die erste Kamera die bei EV -6 fokussieren kann
  • 35mm Vollformat-Sensor mit 30.3 Mio. Pixel und Dual Pixel AF
  • DIGIC 8-Prozessor mit der Möglichkeit zur digitalen Objektiv-Optimierung in Echtzeit
  • Touch and Drag Autofokus mit 5655 AF Positionen
  • Stylisches Gehäuse mit vielen Individualisierungsmöglichkeiten
  • 4K Video 

Über die technischen Daten der Kamera wurde schon viel geschrieben und geredet. Ich möchte mit diesem Blog eher von den ersten praktischen Erfahrungen mit der EOS R und den RF Objektiven berichten. In meinen Augen sind die Bedienung, die Handhabung und die Gehäuseergonomie mindestens so wichtig wie Megapixel, Crop-Faktoren und Kartenslots ;-).
Auch wenn man nach zwei kurzen Shootings noch keinen detaillierten Testbericht erwarten kann, soll dieser Blog interessierten Fotografen/innen einige zusätzliche Infos liefern, welche man nicht von einem Datenblatt ablesen kann. 

Meine ersten Eindrücke

Die Canon EOS Spiegelreflex-DNA ist deutlich zu erkennen und als Canon Fotograf findet man sich im Menü sofort zurecht. Canon hat die Ergonomie wichtiger eingestuft als die bedingungslose Kompaktheit, wodurch die Kamera hervorragend in der Hand liegt. Einzig der von der EOS 5D Mark IV lieb gewonnene Joystick wird von meinem Daumen im ersten Moment vermisst. Da eine Ansteuerung von unglaublichen 5655 AF-Felder über den Joystick keinen Sinn mehr machen würde, hat sich Canon etwas Neues einfallen lassen. Wobei «neu» nicht ganz richtig ist: Der Touch-AF kam bereits bei der EOS M50 zum Einsatz und wurde nun auch in der EOS R integriert. Wenn man die Kamera am Auge hat, kann man mit dem Finger auf dem Display den AF-Punkt wählen und verschieben. Der empfindliche Bereich kann im Menü definiert werden: Das ganze Display, das halbe Display oder ein Viertel des Displays. Das Fokussieren über «Touch and Drag» funktioniert erstaunlich gut und man hat sich nach kurzer Zeit an dieses System gewöhnt. Allerdings würde ich mir ein noch kleineres Feld als Auswahlmöglichkeit wünschen. Schiebt man das AF-Feld mit dem Daumen ganz links, muss man die Finger am Kameragriff etwas lockern. Das wäre mit einem kleineren Feld nicht nötig. Eine kleine Änderung die ich mir in Form eine Firmware-Updates gut vorstellen könnte.

Multifunktionale Touch Bar und individuell programmierbarer Objektivring

Mit einer Wischbewegung die ISO verstellen, mit einer Berührung rechts die ISO Automatik einstellen und mit einer weiteren Berührung links die ISO fix auf 100 einstellen, alles ohne eine weitere Taste zu drücken oder das Menü aufrufen zu müssen. Die Touch Bar macht's möglich und erweist sich als sehr nützlich. Dank der leicht gewölbten Form ist sie auch blind problemlos bedienbar. Natürlich lassen sich auch andere Funktionen auf die Touch Bar programmieren. Dieses geräuschlose Bedienelement werden mit Sicherheit auch die Filmer sehr zu schätzen wissen. Wünschen würde ich mir die Möglichkeit einer «Double Tab» Einstellung bei den rechts und links Tabs, um das versehentliche Wechseln der Einstellungen zu verhindern. Ich bin mir aber fast sicher, dass mit weiteren Firmware-Updates zusätzliche Einstellmöglichkeiten für die Touch Bar folgen werden. Momentan besteht aber schon die Möglichkeit, mit einem langen Tab die ISO Einstellung zu fixieren. Für mich persönlich hat dieses neue Bedienelement, nach einer kurzen Eingewöhnung, viel Potential für eine schnellere Bedienung der Kamera.

Über den Nutzen des ebenfalls individuell programmierbaren zusätzlichen Objektivrings müssen, wir glaube ich, nicht lange diskutieren. Ob Blende, ISO, Belichtungskorrektur, Belichtungszeit oder eine der anderen Einstellmöglichkeiten: Ein Drehring direkt am Objektiv, programmiert mit einer häufig verwendeten Einstellung, wird jeder Fotograf zu schätzen wissen.

 

Canon EOS R mit RF 50mm bei Blende 1.2

Bild: Canon EOS R / RF 50mm f/1.2L USM bei Blende 1.2 - JPG Datei unbearbeitet

Wozu braucht man 5655 AF-Felder?

Schon bei den ersten Aufnahmen wurde mir klar: AF-Felder kann man nie genug haben ;-).

Ich hatte die Möglichkeit mit dem neuen Canon RF 50mm f/1.2 USM zu fotografieren. Aus meiner Erfahrung mit der Spiegelreflex und dem EF 50mm 1.2 weiss ich, wie schwierig es ist, bei Portraits und Blende 1.2 auf das Auge zu fokussieren. Die AF-Felder sind zu gross und zu ungenau um exakt fokussieren zu können. Bei Blende 1.2 kommt es oft vor, dass die Wimpern zwar scharf sind, der Augapfel aber bereits in der Unschärfe liegt. Mit dem RF 50mm 1.2 auf der EOS R und mit dem Augen-Autofokus hat das Fokussieren auf Anhieb sehr gut funktioniert.

 

Bilder: Canon EOS R / RF 50mm f/1.2L USM bei Blende 1.2 - JPG Datei unbearbeitet

Die neuen Canon RF Objektive

Wie oben bereits erwähnt, hat mich die Fokussierung mit dem RF 50mm f/1.2 sehr beeindruckt. Aber auch die optische Qualität weiss zu überzeugen. Ob das Objektiv wirklich das manuell zu fokussierende Zeiss Otus in den Schatten stellen kann, werden ausführlichere Tests zeigen. Man kann aber jetzt schon sagen, dass das RF 50mm 1.2 wesentlich schärfer ist als das Gegenstück aus der EF Serie. Allerdings macht sich diese qualitative Verbesserung auch in der Grösse bemerkbar. Meine nicht gerade dünnen Finger haben gerade noch Platz zwischen Objektiv und Griff.

Jedes der vier lancierten RF Objektive sei ein Statement für noch nie dagewesene Möglichkeiten mit dem spiegellosen RF-System, lässt Canon uns wissen.
Beim 50mm f/1.2 ist es die hervorragende Bildschärfe, verbunden mit den Möglichkeiten des neuen AF-Systems.

Beim RF 24-105mm f/4.0 IS USM ist es die Geschwindigkeit. Das erste RF Objektiv mit Nano USM fokussiert in nur 0.05 Sekunden und ist, Stand heute, die schnellste Kombination, die auf dem Markt erhältlich ist. Auch beim RF 24-105mm überzeugt die optische Qualität und ich kann die Aussage bestätigen, wonach die RF Version des Reise- und Reportage-Zooms, trotz kompakterer Bauweise, schärfer ist als das EF 24-105mm IS USM II. Die EOS RF fühlt sich mit dem 24-105mm sehr ausgewogen an und die kompakteren Abmessungen im Vergleich zur Spiegelreflex-Variante sind für die oben genannten Einsatzbereiche ein klarer Vorteil.

 



Bilder: Canon EOS R / RF 24-105mm f/4.0L IS USM - JPG Datei unbearbeitet

Das RF 28-70mm f/2.0 und das RF 35mm f/1.8 Macro IS STM waren leider noch nicht für Tests verfügbar.

Beim 28-70mm f/2.0 ist das Statement klar: Dieser Brennweitenbereich mit durchgehender Lichtstärke 2.0 ist bisher einzigartig.

Bei den Daten des RF 35mm muss man etwas genauer hinschauen: Lichtstärke 1.8, Makro bis Masstab 1:2, ein optischer Bildstabilisator, eine kompakte Bauweise und ein erschwinglicher Preis machen die Festbrennweite aus. 
Eine weitere Botschaft der Canon Ingenieure über die Möglichkeiten des neuen RF-Systems, welche ich mit einem freudigen Lächeln zur Kenntnis nehme.

Diese vier Objektive zeigen, welchen Anspruch Canon an das RF-System stellt und wo die Reise zukünftiger Objektiventwicklungen hingehen könnte.

Fotografieren mit einem EF-Objektiv

Die «Objektivsprache» muss bei den EF Objektiven von der EOS-R nicht übersetzt werden. Da beide Kameras die gleiche Sprache sprechen ist, selbst beim Autofokus, mit keinen Verzögerungen zu rechnen, so das Versprechen von Canon.  

Anhand einiger Schnappschüsse mit dem EF-Adapter inkl. Steuerring und dem EF 300mm f/2.8 IS USM II kann ich diese Aussage bestätigen. Das Objektiv funktionierte ohne Einschränkungen und fokussierte schnell und präzise. Auch bei der Bildschärfe ist kein Nachteil gegenüber dem Einsatz an einer EOS Spiegelreflex zu erkennen.    

 



Bilder: Canon EOS R / EF 300mm f/2.8L IS USM II - JPG Datei unbearbeitet

Neue Perspektiven entdecken

Auch wenn es banal klingen mag: Das dreh- und schwenkbare Display der EOS R ist für mich eines der Hauptargumente der Kamera. In dieser Kamera-Klasse ist ein komplett ausklappbares Display bisher einzigartig. Beim Beobachten des Reportage-Fotografen beim Event in Amsterdam, der mit seiner EOS 5D IV die sportlichsten Verrenkungen gemacht hatte, konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Die gestalterischen Freiheiten eines so flexiblen Displays, verbunden mit den Touch-Funktionalitäten, wird man schon nach kurzer Zeit nicht mehr missen wollen.

EV -6 ist dunkel, ....sehr dunkel!

In einem stark abgedunkelten Raum konnten wir die etwas absurd wirkende Aussage bezüglich der Fokussiermöglichkeit bei EV -6 überprüfen. Stark abgedunkelt ist leicht untertrieben. Die zu fotografierenden Objekte konnte ich ohne Kamera gar nicht mehr sehen. Über das Display waren die Objekte aber mühelos auffindbar und auch das Scharfstellen klappte absolut problemlos. Beeindruckend!

Fazit

Die Canon EOS R und die RF-Objektive sind, in meinen Augen, ein gelungener Startschuss in ein neues spiegelloses Vollformat-System, welches das Potential hat, das grosse Erbe des EOS EF-Systems würdig anzutreten.

Klar hätte auch ich mir zusätzlich den IBIS, «in Body Image Stabilisation», gewünscht und ich habe Verständnis für die Filmer, welche ungern mit einem Crop-Faktor bei 4K arbeiten (gemäss Canon genügt beides noch nicht ihren Qualitätsansprüchen).  Die eierlegende Wollmilchsau hat aber noch kein Hersteller gebaut und auch dieses neue System wird mit Sicherheit in Zukunft noch erweitert und ergänzt.

Das Fotografieren mit dem neuen Canon EOS RF-System macht wirklich Spass und ich bin davon überzeugt, dass viele ambitionierte Fotografen/innen ihr Glück in diesem System finden werden. Für viele Profis wird die EOS R, dank der Kompatibilität zum EF-System und der kompakten Grösse, ein ideales Zweitgehäuse sein. ...und sobald die Profis das Vertrauen in das neue System aufgebaut haben, wird ja vielleicht auch schon ein High-End Modell zum kompletten Wechsel auf das RF-System bereit sein. Wenn wir Glück haben, sogar mit zweitem Kartenslot. .....wollen wir wetten? ;-)

Neben den oben genannten Pluspunkten bietet das RF-System noch viele weitere spannende Funktionen und Möglichkeiten die es zu entdecken gilt. Wenn Du Dir selber ein Bild der EOS R und des RF-Systems machen möchtest haben wir eine gute Nachricht:
Am Donnerstag 11. Oktober von 16:00 - 19:00 Uhr findet bei uns ein Canon EOS R VIP Launchevent statt. Jetzt hier anmelden!

Hier kannst Du die Kamera vorbestellen und hier geht's zu einem Interview mit dem Canon Produktspezialisten Marcel Hess über das EOS RF-System.

Einige der Testbilder können in voller Auflösung als JPG unbearbeitet hier heruntergeladen werden. 

 

  

 Mario Wüest ist Co-Geschäftsführer der Photo Vision Zumstein AG und kann, neben seiner langjährigen Tätigkeit im Fachhandel, auf eine mehrjärige Erfahrung als Werbe- und Portraitfotograf zurückgreifen.