Herzlich willkommen zu unserer achten Ausgabe der "Zumi Pro Talk" Interview-Serie. Mit diesem Format möchten wir Schweizer Fotograf:innen eine Plattform bieten und euch einen spannenden Blick hinter die Kulissen ermöglichen. Als heutigen Gast haben wir den aufstrebenden Fotografen Osan Bilgi interviewen. Osan entdeckte schon früh seine Leidenschaft für Kunst und heute begeistert er mit seiner „Straight Out of Camera“-Fotografie, die ohne Nachbearbeitung auskommt. Seine spannenden Fotografien und seine Fujifilm-Rezepte stossen auf Instagram auf grosses Interesse. Mit der kompakten Fujifilm X100VI fängt Osan auf Reisen spontane und authentische Momente ein – immer getreu seiner Philosophie, die Welt so zu zeigen, wie er sie erlebt.

In diesem Format stellen wir den Fotograf:innen jeweils achtzehn Fragen. 

  • Fünf persönliche Fragen zum/zur Fotograf:in

  • Fünf neugierige Fragen zur Technik und ihrem Equipment

  • Fünf "schnelle" Fragen, die mit einem Satz beantwortet werden können

  • Drei Bonusfragen zum Abschluss

Die Interviews werden jeweils bei uns im Store von Fotograf Denny Waves durchgeführt.

  • Seine Leidenschaft gilt der Kunst, alltägliche Momente mit einem Hauch von Nostalgie einzufangen. Dabei legt er grossen Wert darauf, schon in der Kamera das perfekte Ergebnis zu erzielen und die Nachbearbeitung auf ein Minimum zu reduzieren – um den Moment in seiner ursprünglichen Authentizität zu bewahren. Reisen und Begegnungen mit neuen Menschen sind für ihn eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Diese Erfahrungen eröffnen ihm neue Perspektiven, die seine Arbeit bereichern. Besonders schätzt er den Austausch mit anderen Fotografen, das Teilen von Fujifilm Filmrezepten und Techniken sowie die Inspiration, die aus gemeinsamen kreativen Erlebnissen entsteht.

  • Kurzprofil Osan Bilgi
    Kamerasystem(e): Fujifilm
    Hauptkamera(s): Fujifilm X100VI
    Lieblingslinse: X100VI 23mm F2
    Standort: Zurich

    Website
    Instagram

Fünf persönliche Fragen an Osan

Du hattest immer ein künstlerisches Interesse und deine Mutter hat dir schon früh gesagt, dass du Fotograf werden sollst. Wie haben diese frühen Einflüsse deine kreative Entwicklung geprägt, und siehst du Parallelen zwischen deiner früheren Leidenschaft fürs Zeichnen und deiner heutigen Fotografie?

Zeichnen hat meine Fotografie tief beeinflusst, indem es mich gelehrt hat, auf Leitlinien und interessante Motive zu achten. Leider verlor ich die Leidenschaft fürs Zeichnen in der Jugend, da mir das Stillsitzen schwerfiel. Durch die Fotografie habe ich jedoch eine Art „Zeichnen mit Licht“ entdeckt, bei dem ich reale Momente einfange. Die Fähigkeit, Formen, Farben und Komposition zu erkennen, verdanke ich meiner frühen Zeichenleidenschaft – und meine Mutter erinnert mich oft daran, dass sie von Anfang an wusste, dass die Fotografie mein Weg ist. 

Du hast dein Instagram-Profil in nur 5 Monaten organisch auf 30.000 Follower aufgebaut. Was glaubst du, macht deine Arbeit so ansprechend, und welche Rolle spielt Authentizität in deiner Interaktion mit deiner Community?

Nach mehreren Accounts fand ich meinen Stil und meine Nische, was sich als entscheidend herausstellte. Der Wechsel zur Fujifilm X-T5 spielte eine grosse Rolle, da diese Kamera mich inspirierte, einen neuen Weg einzuschlagen und die Fotografie vor die Nachbearbeitung zu stellen. Diese Entwicklung spürte die Community; es war Leidenschaft, keine Zahl, die mich antrieb die Rezepte herzustellen. Die Freude, meine Filmrezepte zu teilen und so zur Fujifilm-Community beizutragen, ist für mich ein wichtiger Bestandteil meines kreativen Prozesses.

Deine Fujifilm-Rezepte sind sehr beliebt und haben dir auf Instagram zu grosser Reichweite verholfen. Was inspiriert dich, neue Rezepte zu kreieren, und wie entwickelst du sie?

Die grösste Inspiration kam von Fujixweekly und Tomas Derner, dessen unverarbeitete SOOC-Jpegs mich tief beeindruckten und dazu motivierten, ebenfalls SOOC zu fotografieren. Anfangs erstellte ich die Rezepte direkt in der Kamera, während ich draussen unterwegs war und experimentierte. Später wechselte ich jedoch zur X-Raw Studio Software von Fujifilm, um die Rezepte gezielter zu entwickeln und anschliessend beim Fotografieren weiter zu verfeinern, bis sie meinen Vorstellungen entsprachen. Jede neue Rezeptur vertieft mein Verständnis für die Filmsimulationen und gibt mir die Möglichkeit, bei fast allen Lichtbedingungen ein Rezept zur Hand zu haben, das optimal zur Szene passt.

Du hast erwähnt, dass du immer ein “Imposter-Syndrom” hast und dich nicht als Profi siehst. Wie gehst du mit diesem Gefühl um, und was bedeutet “Erfolg” in der Fotografie für dich persönlich?

Erfolg in der Fotografie bedeutet für mich, Menschen mit meinen Bildern zu berühren und zu inspirieren, selbst zur Kamera zu greifen. Das „Profi“-Label passt nicht für mich, da ich kein Geld mit meiner Arbeit verdiene. Doch die Resonanz und Inspiration, die meine Fotos bei anderen auslösen, bedeuten für mich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Als jemand, der früher keine Bilder nachbearbeitet hat und stark auf das richtige Framing achtet – welche Herausforderungen und Freuden bringt es mit sich, in der Kamera den perfekten Moment festzuhalten? Hast du einen Tipp für unsere Leser?

Geduld ist der Schlüssel, um den perfekten Moment einzufangen, und auch, um zu akzeptieren, wenn man ihn einmal verpasst. Früher habe ich viele meiner Fotos unveröffentlicht gelassen, weil ich sie nicht nachbearbeiten wollte. Mittlerweile habe ich begonnen, einige Bilder zu bearbeiten, aber die bewusste Komposition in der Kamera bleibt ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit. Mein Tipp ist, mit Geduld und einem achtsamen Mindset zu fotografieren – sich Zeit zu nehmen, um Motive sorgfältig zu framen, bleibt essenziell, auch wenn Nachbearbeitung eine Option ist. Zusätzlich empfehle ich, die eigene Kamera gründlich kennenzulernen. Ich habe beispielsweise den Kontrast und die Farben des EVF und des LCD meiner Kamera so angepasst, dass sie mit meinem iPhone übereinstimmen. Das macht das Fotografieren intuitiver und verlässlicher, unabhängig davon, ob das Bild später bearbeitet wird oder nicht. Das richtige Mindset und ein tiefes Verständnis der eigenen Ausrüstung sind aus meiner Sicht die Grundlage für eine gelungene Fotografie – sei es SOOC oder mit Nachbearbeitung.

"Der Wechsel zur Fujifilm XT5 spielte eine grosse Rolle, da diese Kamera mich inspirierte, einen neuen Weg einzuschlagen und die Fotografie vor die Nachbearbeitung zu stellen."

Fünf Equipment & Gear Fragen 

Du hast erwähnt, dass du durch dein iPhone 12 Pro zur Fotografie gekommen bist. Wie hat sich deine Sicht auf die Fotografie von der Smartphone-Fotografie bis hin zu deiner Arbeit mit Fujifilm-Kameras verändert?

Meine Sichtweise veränderte sich grundlegend, als ich erkannte, wie inspirierend eine hochwertige Kamera sein kann. Während das iPhone mir Freude am Fotografieren bereitete, wuchs mein Wunsch nach einer Kamera, die mich tiefer in die Kunst eintauchen liess. Eine richtige Kamera eröffnete mir eine völlig neue Welt, in der Technik und Kreativität perfekt ineinandergreifen. Mit Fujifilm habe ich nun die Möglichkeit, fast alles direkt in der Kamera zu gestalten, da die „Nachbearbeitung“ mit dem Drücken des Auslösers geschieht. Meine Bilder heben sich dadurch mehr durch die Art und Weise hervor, wie ich sie aufnehme, statt wie ich sie nachbearbeite – besonders, da meine Filmrezepte kostenlos für jedermann zur Verfügung stehen. Die Komposition des Bildes gewinnt dadurch mehr Gewicht als die Nachbearbeitung.

Du bevorzugst Festbrennweiten und magst keine Zoom-Objektive. Was fasziniert dich an Festbrennweiten, und wie beeinflusst diese Vorliebe deine Art, Szenen und Momente einzufangen? Hast du ein Lieblingsobjektiv?

Ich liebe Festbrennweiten aus drei Gründen: Sie sind leicht, kompakt und zwingen mich dazu, mich zu bewegen, um eine Szene einzufangen. Besonders Pancake-Linsen haben es mir angetan, und die Fujifilm 27mm f/2.8 ist daher mein absoluter Favorit. Da ich selten unter oder über f/5.6 fotografiere, brauche ich keine Linse mit einer grossen Blendenöffnung wie f/1.4. Für mich ist es wichtig, dass meine Ausrüstung leicht und kompakt ist – das ermöglicht mir, flexibel zu bleiben und dennoch die Qualität zu liefern, die ich mir wünsche.

Mittlerweile schiesst du in RAW und hast einen Mix aus SOOC und nachbearbeiteten Bildern. Wie hat sich deine Herangehensweise durch diese Veränderung entwickelt, und welchen Einfluss hat die SOOC-Fotografie weiterhin auf deine Arbeit?

Ich schiesse mittlerweile auch in RAW, um mir die Möglichkeit offenzuhalten, Bilder nachträglich zu bearbeiten, und habe so einen Mix aus SOOC und nachbearbeiteten Fotos. Trotzdem hat die SOOC-Fotografie meine Arbeit stark geprägt. Sie hat mich gelehrt, von Anfang an bewusst zu komponieren, das Licht zu nutzen und Farben direkt in der Kamera optimal einzufangen. Diese Disziplin fliesst weiterhin in meine Arbeit ein und sorgt dafür, dass meine Bilder oft schon nah an meinem gewünschten Ergebnis sind. Auf meinem Instagram markiere ich SOOC-Bilder weiterhin entsprechend, um den Unterschied sichtbar zu machen und zu zeigen, wie viel sich direkt in der Kamera erreichen lässt. Die Nachbearbeitung sehe ich nun als ergänzendes Werkzeug, um die kreative Vision eines Fotos zu vervollständigen.

Du hast erwähnt, dass die Filmfotografie eine grosse Inspiration für dich darstellt. Fotografierst du viel mit Film und wie wirkt sich das auf deiner Digital-Fotografie aus?

Ich lasse mich von Filmfotografen inspirieren, fotografiere aber selbst nur digital. In Zukunft könnte ich mir gut vorstellen, auch in die Filmfotografie einzusteigen, aber durch die SOOC-Fotografie bin ich vielleicht etwas zu ungeduldig geworden, um den Prozess der analogen Fotografie vollständig zu geniessen. Was mir an der Filmfotografie jedoch besonders gefällt, ist, dass jeder Film seinen eigenen Charakter hat und man die Bilder am Ende in physischer Form in den Händen halten kann.

Vor Kurzem warst du auf einer längeren Reise in Asien und hattest dabei nur die X100VI dabei. Was hat dich zu dieser Entscheidung bewegt, und gab es ein bestimmtes Motiv oder Projekt, das du einfangen wolltest?

Die Inspiration war der Hauptgrund, warum ich mich entschieden hatte, nur die X100VI mitzunehmen. Das Design, die kompakte Form und die vielseitigen Funktionen dieser Kamera waren perfekt für die Reise und haben Lust gemacht, sie immer dabeizuhaben. Sie brauchte kaum Platz im Rucksack und blieb unauffällig, was ideal war, um authentische Momente einzufangen. Durch das feste Objektiv entfiel die Frage, welche Linsen ich mitnehmen oder verwenden sollte, sodass ich mich ganz auf das Motiv konzentrieren konnte. Mit meiner Fotografie wollte ich Orte und Menschen spontan und direkt aus meiner Perspektive einfangen. Meine besten Bilder entstanden, als ich ohne festen Plan und ohne Erwartungen fotografierte – einfach der Moment zählte.

"SOOC zu fotografieren bedeutet, die Szene so einzufangen, wie ich sie erlebe – mit all ihren Imperfektionen. Dieser Ansatz verleiht den Bildern einen einzigartigen Charakter und vermeidet die klinische Perfektion, wenn alle Bilder genau gleich bearbeitet sind."

FAST FIRE QUESTIONS

Du kannst eine Kamera und eine Linse mit auf eine einsame Insel nehmen. Welche sind es?

Fujifilm X100VI mit festem 23mm f/2.

Welchen Schweizer Fotografen sollten unsere Leser kennen?

@fabxplore

Was war deine erste Kamera?

Sony a6400

Welches ist dein Meist verwendetest Zubehör?

SlingBag von Peak Design, 6 Liter

Schlägt dein Fotografenherz fürs Team Analogfilm oder Digital?

Digital 

BONUSFRAGEN

Welches ist dein Lieblingsbild der letzten 12 Monate? Weshalb? 

Die Gruppe von Schwänen, die ich in Zürich fotografiert habe. Das Bild erinnert mich an den schönen Abend, den ich mit meiner Frau in Zürich verbracht habe.

Wie gehst Du mit der Herausforderung um, Emotionen in einem Bild einzufangen, das auf den ersten Blick möglicherweise eher neutral wirkt? (Gestell von unserem letzten Interviewpartner David Biedert)

Ich versuche, subtile Elemente wie Licht, Komposition und Atmosphäre gezielt einzusetzen. Oft sind es genau diese feinen Nuancen, die einer vermeintlich neutralen Szene Emotion und Tiefe verleihen.

Welche Frage möchtest du unserem nächsten Interview Partner stellen?

Welchen Tipp würdest du dir selbst für die Fotografie geben, wenn du in die Vergangenheit reisen könntest?